Das Sonderprogramm des Bayerischen Rundfunks und sein verdienstvoller Leiter, Dr. Gerhard Szczesny, haben sich den Groll des Intendanten Wallenreiter zugezogen. Der Fall Kolakowski wurde zum Präzedenzfall hochgespielt. Ein polemisches Feuilleton von Hermann Kesten, das ohne jede Bedenken gedruckt werden konnte, wurde wegen einer ausgeführten Metapher vom Schriftsteller-Gott als Blasphemie gerügt. Sendungen von Autoren wie Robert Neumann und Ludwig Marcuse werden in Frage gestellt. – Es gibt eine gute Tradition im deutschen Nachkriegsrundfunk, wonach jeder Sender ein Sonderprogramm für intellektuell aufgeschlossene Minoritäten ausstrahlt, heiße es nun Drittes Programm oder Nachtstudio oder wie auch immer – ein Programm, in dem die entsetzliche Nivellierung nach unten verhütet werden konnte durch die Übereinkunft: hier gelten Durchschnittsgeschmack und Durchschnittsgefühle des Durchschnittshörers nicht als verbindliche Maßstäbe. Gerade dadurch behalten diese Programme auch dann noch ihren Sinn, wenn die Hörermassen vom Rundfunk zum Fernsehen abgewandert sein werden. Wer dem Funk eine seiner letzten noch unerschütterten Stützen nehmen will, der braucht nur an diesen Sonderprogrammen zu rütteln.

Der stämmige Mann mit dem unverfälschten ostbayrischen Timbre in der Kehle, der da auf dem Bildschirm erscheint, wäre eine prachtvolle Besetzung für den Heirats- und Kälberschmuser des Ludwig Thoma. Leider darf er sich nicht ausspielen, denn er ist in dieser Sendung kulturell tätig und interviewt voll stolpernder Ehrfurcht den Dichter Richard Billinger.

Auch die Kamera ist ehrfürchtig: liebendlang verweilt sie auf dem blanken Metzgertisch in der Laube der Dichtervilla, auf dem die Werke der Muse entstehen.

Später findet ein Fest bei dem Zementkönig des Innviertels statt; Billinger liest vor, und ehrfürchtig wandelt die Kamera über die Antlitze lokaler Prominenz.

„Wo in deutschen Landen“, so fragt der Kommentator, „wird heute noch ein Dichter durch ein Fest geehrt, wenn er ein Werk vollendet hat?“

Ja, wo in der Tat!

Später geht’s Billinger vollends an den (immer offenen) Kragen: Er muß auf einem harten Stuhl in Kramladen der Frau Bas zu Hartkirchen sitzen und lauschen, während die Base mit gequetschter Knödelstimmé erzählt, wie gern er, der Herr Dichtervetter, da immer sitze und den Leuten aufs rauhnächtige Maul schaue.