In den vergangenen Monaten waren Kapitalerhöhungen für den Aktionär nicht immer ein: reine Freude. Während einer Baisse-Periode halten die Aktiensparer und auch die Großanleger ihre Taschen geschlossen. Sie sind nur zögernd bereit, durch Übernahme junger Aktien das Börsenrisiko zu vergrößern. Oftmals geriet der Aktienkurs eines Unternehmens bereits unter Druck, wenn sich eine Kapitalerhöhung abzuzeichnen begann. Der zweite Rutsch trat dann ein, sobald das Bezugsrecht an der Börse gehandelt wurde. Dann zeigte sich nämlich, daß ein großer Teil der Aktionäre lieber das Bezugsrecht veräußerte und darauf verzichtete, junge Aktien zu beziehen. Mit der vor einigen Wochen eingetretenen Wende in der Börsentendenz haben aber auch die Bezugsrechte wieder eine andere Bewertung gefunden. Das ist heute unser Thema!

Wenn ich Ihnen eingangs sagte, daß man heute in den Börsensälen Bezugsrechte wieder als „anregende Faktoren“ betrachtet, so kann ich dies leicht belegen. Ein Teil der jüngsten Kurssteigerungen bei AEG, Siemens und wohl auch bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank geht auf das Konto von Kapitalerhöhungsgerüchten. Auch bei der Münemannschen Investitions- und Handelsbank erwartet man in absehbarer Zeit eine Aufstockung des Kapitals, die – wie Münemann kürzlich erklärte – zu günstigen Bedingungen erfolgen soll. Günstig heißt in Augen der Börse: Niedriger Ausgabekurs für die jungen Aktien! Bei Siemens hält man sogar einen Ausgabekurs von 100 vH für möglich (im Verhältnis 5 : 1), aber das sind vorläufig noch gewagte Spekulationen, über die in Kreisen der Verwaltung vorläufig noch keine Beschlüsse gefaßt worden sind.

Nun werden Sie sicher fragen, meine verehrten Leser, wenn die Börse gegenwärtig „offen“ für junge Aktien ist, warum nutzen die Gesellschaften ‚diese Gelegenheit nicht? Zunächst darf ich Ihnen sagen, daß man wohl in nächster Zeit sicherlich mit einigen Bezugsrechten rechnen kann. Zunächst wollte man sicher sein, daßdie Wende am Aktienmarkt auch von längerer Dauer ist. Außerdem ist das Warten auf höhere Kurse vom Standpunkt der Gesellschaften lohnend. Denn je höher der Aktienkurs, um so höher kann man auch den Ausgabekurs für junge Aktien festsetzen und um so mehr Geld kommt in die Gesellschaftskasse. Denn die Kapitalerhöhungen werden in der Regel ja nicht allein zur Freude der Aktionäre veranstaltet, sondern haben den Zweck, Mittel für die Investitionsfinanzierung zu beschaffen oder das Bilanzbild zu bereinigen (Verbesserung der Relation zwischen Eigen- und Fremdmittel). Nur dort, wo man günstige Bezugsrechte gewährt anstatt einer Dividendenerhöhung (um die soziale Mißgunst nicht zu reizen), ist die Wahl des Zeitpunktes für eine Kapitalerhöhung gleichgültig, Sie wird üblicherweise aber im zeitlichen Zusammenhang mit der jeweiligen Dividendenausschüttung stehen, als deren Ergänzung sie schließlich gedacht ist. Bezugsrecht statt Dividendenerhöhung – das war der Entschluß, zu dem sich in diesem Frühjahr die deutschen Großbanken durchgerungen hatten.

Nicht gleichgültig ist der Kapitalerhöhungs-Zeitpunkt für jene Unternehmen, die das Geld für einen bestimmten Zweck gebrauchen. Sie fordern neues Kapital eher zu spät als zu früh ein. Tatsächlich ist Eigenkapital immer noch das teuerste Kapital und man behilft sich mit Fremdkapital, solange man kann. Das hat aber seine Grenzen. Sie sind in den letzten Monaten sichtbar geworden, als nämlich die Industrie mit neuen Anleihen an den Kapitalmarkt nicht herangelassen wurde. Sie sollten das Ziel der Bundesbank, den deutschen Kapitalmarktzins zu drücken, nicht gefährden. Zum Glück blieb den Unternehmen der Ausweg über die inzwischen hoffähig gewordenen Schuldscheindarlehen. Da auch diese Quelle überbeansprucht worden ist, müssen neue Mittel und Wege gefunden werden, die erforderlichen Investitionsmittel herbeizuschaffen. Dabei scheinen die Banken wenig bereit zu sein, mit Krediten in die Bresche zu springen, zumal wenn es sich um risikovolle Investitionen handelt. Der Fall Borgward hat überdies viele Lieferanten veranlaßt, sich gesunder kaufmännischer Grundsätze zu erinnern, wenn es um die Einräumung von Lieferantenkrediten geht. Auch diese Quelle fließt deshalb nicht mehr so reichlich wie früher.

Nach meiner Meinung, meine verehrten Leser, haben die Unternehmen bei ihren Kapitaldispositionen die Situation des Kapitalmarktes zu wenig wichtig genommen. Man ist an ihn herangetreten, wenn man Geld brauchte – und nicht dann, wenn es leicht war, sich über ihn Kapital zu beschaffen. Nun, wir haben berechtigte Aussicht, daß dies künftig ein wenig anders wird. Kapitalerhöhungen zur falschen Zeit haben dazu geführt, daß bei zahlreichen Gesellschaften, besonders aus dem Montanbereich, die Konsortialbanken einspringen mußten, um „das Schlimmste zu verhüten“. Da die Aktionäre selbst nur wenig Interesse zeigten, die jungen Aktien zu übernehmen, sind sie in die Portefeuilles der Banken gewandert und harren dort ihrer endgültigen Placierung. Hätte man das nicht gemacht, wäre der Kurs seinerzeit ins Bodenlose gestürzt, was dem Ansehen des kapitalerhöhenden Unternehmens ebenso wie dem der Konsortialbanken nicht gerade dienlich gewesen wäre. Aber alles hat zwei Seiten. Dadurch, daß in den Marktmechanismus eingegriffen worden ist, wird der Kurs der betreffenden Aktie noch lange zu leiden haben. Bei einer allgemeinen Aufwärtsbewegung versuchen die Banken natürlich, sich von ihren unfreiwillig aufgenommenen Beständen zu trennen. Dadurch wird immer neues Material in den Markt geschleust und eine rasche Gesundung des Kurses verhindert. Der Preis für eine zum falschen Zeitpunkt durchgeführte Kapitalerhöhung muß vom Aktionär also so oder so bezahlt werden. An der Börse wird nichts verschenkt.

Gegenwärtig sollte es für die Mehrzahl der Unternehmen nicht allzu schwierig sein, zu einigermaßen günstigen Konditionen Kapitalerhöhungen durchzuführen. Natürlich läßt sich der Aktionär nicht mehr „alles bieten“. Er kennt seine stärker gewordene Stellung und kauft heute längst nicht mehr alles, was den Namen Aktie trägt. Deshalb meine ich, daß die Unternehmen die relativ günstige Zeit für Kapitalerhöhungen auch dann nicht vorübergehen lassen sollten, wenn sie das Kapital tatsächlich erst in einigen Monaten oder einem halben Jahr brauchen. Vielleicht ist es sogar zweckmäßig, außerordentliche Hauptversammlungen einzuberufen und nicht bis zur nächsten ordentlichen Hauptversammlung im kommenden Frühjahr zu warten. Einfacher haben es jene Unternehmen, bei denen „genehmigtes“ Kapital besteht, bei denen also die Hauptversammlung die Kapitalerhöhung bereits beschlossen hat. Hier wäre die Ankündigung von Bezugsrechten kurzfristig möglich.

Wie „kursanregend“ angekündigte Kapitalerhöhungen zur Zeit sein können, bewiesen jüngst die Vorzugsaktien der Nordwestdeutsche Kraftwerke AG, Hamburg. Das Unternehmen hat ziemlich überraschend eine ao Hauptversammlung auf den 1. Dezember 1961 einberufen, die beschließen soll, das Kapital um 40,5 auf 101,817 Mill. DM (5:3) zu erhöhen, wobei die jungen Aktien zum Kurs von 140 vH ausgegeben werden sollen. Die Beteiligten hatten ihre Absicht ausgezeichnet geheimgehalten. Erst eine Woche bevor offiziell die Tatsache der Kapitalerhöhung dem Bankenkonsortium mitgeteilt wurde, merkte man an den Börsenumsätzen und dem langsam steigenden Kurs, das an diesem Papier „gedreht“ wurde. Der eigentliche Anstieg begann allerdings erst, als die Nachricht von der Kapitalerhöhung in der Zeitung zu lesen stand. Immerhin zog der Kurs der Vorzugsaktien innerhalb weniger Tage von 437 auf 515 vH an. Nun wird man allerdings vermerken müssen, daß bei der Gesellschaft Sonderverhältnisse vorliegen. Das flottante Material ist gering. Hauptaktionär ist die Preußische Elektrizitäts-AG, Hannover – eine Tochter der bundeseigenen Veba. Aber wahrscheinlich hätte der enge Markt die Nordwestdeutsche Kraftwerke vor Enttäuschungen nicht bewahrt, wenn nicht erstens die Zeit für Kapitalerhöhungen wieder günstiger geworden wäre und wenn die Gesellschaft zweitens nicht immer bemüht gewesen wäre, sich kapitalmarktgerecht zu verhalten, d. h. eine aktionärsfreundliche Politik. zu betreiben. Unter diesen Umständen kann man den Aktionären eigentlich nur raten, die ihnen zustehenden jungen Aktien zu beziehen, zumal die Aussichten des Unternehmens – wie aus ersten Informationen über das am 30. 9. 61 beendete Geschäftsjahr hervorgeht – als gut bezeichnet werden können.

Bis zur nächsten Woche! Ihr Securius