Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Er hätte eigentlich Hosenträger gebraucht, denn die vielen Steaks, mit denen er und seine Geschäftsfreunde sich gegenseitig gefüttert hatten, ließen ihm das Hemd prall über dem Magen und die Taille viel tiefer sitzen, als sein. Schneider geplant hatte. Er war ein gemütlicher Mensch.

Seine Wohnung wies das übliche große Wohnzimmer mit dem nie benutzten Schreibtisch und dem Kamin auf. Als ich mit einigen Bekannten zum erstenmal bei ihm zu Besuch war, scheuchte er uns auf den Velours und entschwand in die Küche.

Neben mir stand eine kleine schwarzhaarige Dame, die sich eine Zigarette anzündete, die Brille zurechtrückte und dann interessiert dem Bücherregal zustrebte, zwischen dessen spärlichen Bänden sehr viele und sehr schöne Silbersachen standen: Pokale und Becher, kleine Plastiken und Leuchter. Als der Hausherr mit seinem Mokka wieder hereingebraust kam und der kleinen Dame eine Tasse überreichte, sagte sie höflich: „Was haben Sie für einen schönen Akeleibecher. Ist das eine Jamnitzer-Kopie oder ...“

„Einen was hab ich?“ unterbrach sie der Gastgeber verblüfft. Die kleine Dame musterte ihn eine Sekunde lang mit ausdruckslosem Gesicht. Dann lächelte sie und erwiderte: „Ein Akeleibecher ist im Grunde genommen ein sogenannter Buckelbecher in der Form eines an die Akelei erinnernden Blütenkelches. Im 16. Jahrhundert war er eine Weile das Pflichtmeisterstück der Nürnberger Silberschmiede.“

„Na, hören Sie mal“, sagte der Gastgeber elektrisiert, „das ist ja unerhört interessant! Und so ein Ding habe ich? Davon müssen Sie mir aber noch mehr erzählen! Nehmen Sie Zucker in den Kaffee? Nee? Warten Sie mal, ich bin gleich wieder da.“

Und als er allen anderen den Mokka serviert hatte, brauste er wieder zu uns und erzählte gleich drauf los: „Wissen Sie, der Kerl, der mir das hier alles eingerichtet hat, der hat mir da das Bücherregal hingebaut. Ich habe ihm zehnmal gesagt, ich brauche keins, aber er hat gesagt, die Wand ist zu kahl, da muß was hin. Na schön, habe ich gesagt, aber was wollen Sie denn außer Büchern da aufbauen? Da sagt mir der Mensch: Porzellanfiguren!“