Bonn

Kam ein Staatsoberhaupt, irgendein Potentat, nach Bonn mit der Eisenbahn – so ließ sich für ihn und sein Gefolge auf dem Bahnhof der provisorischen Bundeshauptstadt zwar ein roter Teppich auslegen und eine klein geratene Ehrenkompanie aufstellen – ein „großer Bahnhof“ aber, wie er seit eh und je bei Staatsbesuche! üblich ist, war hier beim besten Willen nicht möglich. Es ließ sich allenfalls hoffen, der hohe Fremde würde die kleinstädtische Idylle – zwei Gleise und ein Nebengleis – milde lächelnd als Ausdruck eines unvermeidlichen Hauptstadt-Provisoriums werten. Stieg dann der Gast in den Mercedes 300, so standen die Bonner auf der anderen Straßenseite – vor der Kulisse der Zigarrenläden, einer Brathendlstube und einer hölzernen Würstchenbude – und winkten freundlich.

Des Provisoriums müde, so hörte man, habe der Kanzler vor einiger Zeit ein Machtwort gesprochen: Ein neuer, größerer Bahnhof müsse her! Nun ist aber das Problem für Bonn und die Bonner nicht der Bahnhof, sondern die Bahn selbst – in nord-südlicher Richtung zerschneidet sie wie mit einem Tranchiermesser die Stadt.

„Große Bahnhöfe“ finden heutzutage in aller Welt kaum mehr auf einem Bahnhof, sondern meist auf Flugplätzen statt. Und so pflegen auch der Kanzler, seine Minister und das Bonner Diplomatische Korps ausländische Gäste in Köln-Wahn zu empfangen. Charles de Gaulle konnte in Orly in seine Düsenmaschine steigen und schon fünfzig Minuten später zusammen mit Adenauer die Ehrenkompanie auf dem Wahner Flugfeld abschreiten. Keineswegs sicher aber ist, ob fünfzig Minuten genügen, wenn irgend jemand vom Rheinufer zu einem entfernteren Ziel im Westen Bonns fahren will. Die mitten durch Bonn führende und sehr stark befahrene Bahnstrecke – FD-Züge, D-Züge, Schnellzüge, Personenzüge, Güterzüge – stoppt ihn unerbittlich.

Die quälende Warterei vor den geschlossenen Schranken in der Bonner Innenstadt hat schon internationales Kopfschütteln ausgelöst. Man bedenke: Auf nicht ganz 600 Metern kreuzt der Straßenverkehr der Bundeshauptstadt die Bahnlinie an drei beschrankten Übergängen. Eine Zählung ergab, daß von morgens sechs bis abends 22 Uhr 20 000 Fahrzeuge und 15 000 Fußgänger die Bahngleise überqueren, jeden Tag werden die weiß-roten Schranken durchschnittlich 128mal auf- und zugemacht. Oder anders ausgedrückt: während einer Stunde bleiben die Schranken zwanzig Minuten geschlossen.

Ein Vorschlag des Kanzlers war, die Bahn aus dem Stadtzentrum heraus an die westliche Peripherie zu verlegen – ein Plan, der schon vor einiger Zeit erörtert, wegen der hohen Kosten aber wieder fallengelassen worden war. Im Bonner Rathaus hatte man hingegen damit geliebäugelt, die Bahntrasse tiefer zu legen, so daß der Verkehr ungehindert über die Bahn hätte fließen können.

Keine Freunde bei den Stadtvätern fand der Vorschlag der Bundesbahn, den Gleiskörper „mäßig anzuheben“ und für die Autos, Mopeds und Fußgänger Unterführungen zu bauen. Das, so meinte man bei der Bundesbahn, koste weniger und sei nicht erst in zehn, sondern schon in sechs Jahren zu schaffen.