Die Wissenschaft verwendet Meßinstrumente für Millionstel einer Sekunde, eines Grammes oder eines Grades. Auch die immer komplizierteren Vorgänge in der Politik und im Wirtschaftsleben verlangen genauere Festellungen, als Statistiken oder gar bloße Schätzungen liefern können (wobei umstritten ist, welche dieser beiden Methoden ungenauer ist). Der Gallup-Test kann nicht für alles herhalten, vor allem weil die Erhebung und die Auswertung Zeit beansprucht. Ob aber ein Staatsmann auf seine Anhänger noch rechnen kann, sollte er (z. B. General de Gaulle) jeden Augenblick feststellen können. Mit einiger Phantasie kann man sich ausmalen, daß der bereits aufgetauchte Gedanke eines Applausometers verwirklicht werden wird. Die Zeitdauer des Applauses nach einer Rede und die Anzahl der verzeichneten Phons würden die Intensität der Zustimmung angeben. Gehen wir einen Schritt weiter. Die Zeitungen könnten Lesern die Texte kilometerlanger Reden (Chruschtschow!) ersparen, sie würden bloß gemäß einer noch auszuarbeitenden Skala von Applauswerten die Verschiebung gegenüber dem Echo einer früheren Rede des gleichen Politikers in Zahlen auf eine oder zwei Dezimalstellen genau bekanntgeben. Mit einiger Genauigkeit würden sie dem Leser aus dem Plus oder Minus vorrechnen, wann die nächste Ministerkrise eintreten wird. In die solcherart freigewordenen Spalten aber dürften sich Real Madrid, die Lollobrigida, Farah Dibah usw. teilen. Das wären herrliche Zeiten!

Konkreter sind die Meßmethoden, über die das Wirtschaftsleben für die Bestimmung der Kreditwürdigkeit einzelner Länder verfügt. Auch hierfür benötigt man zwar Spezialisten, an Instrumenten aber bloß einen Bleistift. Nehmen wir die zwei Beispiele unter die Lupe.

Ein österreichisches Kraftwerk, die TIWAG, hat in der Schweiz eine Anleihe zu 5 vH emittiert. Sie steht heute auf 103,5 vH. Ist also der internationale Kredit Österreichs so fest, daß Anleihen dortiger Unternehmen zu weniger als 5 vH Zinsen Abnehmer finden? Das ist nicht sicher, denn diese letzte Anleihe war durch zwei deutsche Unternehmen, die RWE und die Bayerischen Kraftwerke, garantiert. Also hat die Bundesrepublik den guten Kredit? Das wird sich bei der nächsten österreichischen Emission, einer Staatsanleihe, zeigen. Auch sie wird bestimmt mit 5 vH Zinsen ausgestattet sein. Steigt auch diese bald nach der Zeichnung über pari, so galt der Gruß der schweizerischen Anleger dem östlichen Nachbarlande. Bleibt aber die Rente am Emissionskurs kleben oder rutscht sie gar abwärts, so lüftete der Schweizer seinen Hut vor den deutschen Garantien und nicht vor dem österreichischen Schuldner.

Nicht viel anders verhält es sich mit Argentinien, das nach langem Hin und Her der luxemburgischen Sodec-Gesellschaft als Entschädigung für ihre verstaatlichten Elektrizitätswerke Abschnitte einer Staatsanleihe mit Dollargarantie und 6,5 vH Zinsen ausgehändigt hat. Börsenbon- und haben errechnet, daß bei Annahme eines Kurses von nur 93 vH für diese Rente eine Sodec-Aktie an der Zürcher Börse zu 240 Franken gehandelt werden müßte. Sie steht aber nur knapp über 150 fFr! Warum? Hier eben muß das „Kreditometer“ die Antwort erteilen. In Argentinien kann man für kurzfristige Obligationen in Dollars von guten Industrieunternehmen bis zu 12 vH Jahreszinsen erzielen. Demnach mußte eine Rente mit nur 6,5 vH Zinsen auf 54 vH zurückgehen. So betrachtet wäre der richtige Börsenkurs für eine Sodec-Aktie

(54 × 240)/93 = 140

Dann stünde also die Sodec-Aktie bereits eine Kleinigkeit über ihrem echten Binnenwert. Wegen eines kleinen Plus über die Marke des „Kreditometers“ kann man noch wohlwollend ein Auge zudrücken, weil ja auch die Börse modischen Einflüssen unterworfen ist. Aber lange können solche Exzentrizitäten nicht andauern, ebenso wie unsere Damen die Sackkleider des Yves Saint-Laurent (Gott sei Dank) ja wieder abgestreift haben. Sollte aber die Börse in ihrer heutigen Haltung verharren, oder sollten gar die Sodec-Aktien weiter ansteigen, so ist eben der Staatskredit Argentiniens besser, als man gemeinhin annahm. Dann würde es eben in Börsenkreisen heißen, daß der argentinische Staat selbst im Falle einer neuen Devisenknappheit zumindest sein eigenes Versprechen auf Zins-Transfer einhalten würde. Man kann dem Staat Argentinien dann mit weniger Risiken Geld leihen, als dortigen noch so gut fundierten privatwirtschaftlichen Unternehmen. Das hand- und kopfbetriebene „Kreditometer“ ist also doch ein feines Instrument, das nicht nur die Unterschiede zwischen Ländern, sondern auch zwischen einzelnen Schuldnerkategorien anzeigt. Die Wunder des Spürsinns stehen den Wundern der Technik nicht nach! J. F. K.