Rom, im November

Nach dreijährigem Pontifikat muß das Porträt von Papst Johannes XXIII. neu geschrieben werden. Das Bild des schlichten, mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten Monarchen der katholischen Kirche genügt nicht mehr, um ihn zu charakterisieren.

Nach wie vor gewinnt die ergreifende Demut und herzliche Aufgeschlossenheit des lombardischen Bauernsohnes Angela Giuseppe Roncalli die Sympathie aller. Selbst jener, die dem Katholizismus fremd oder skeptisch gegenüberstehen, sind davon beeindruckt. Nach wie vor umfängt einen hinter dem Bronzetor zwischen den Kolonnaden von St. Peter und dem Apostolischen Palast die Atmosphäre des „dolce stil nuovo“, des sanften neuen Stiles, den der rundliche Pykniker mit seinem nie verletzenden Humor in den Vatikan gebracht hat, in dem früher der kalte Hauch seines strengeren, asketischen großen Vorgängers herrschte.

Papst Johannes möchte wahrhaftig für alle ein Vater sein, wie er kurz vor den prunkvollen Feiern zur Wiederkehr seiner Krönung und seinem bevorstehenden 80. Geburtstag in einer Plauderei mit ausländischen Journalisten sagte. Es sei seine Pflicht, so erklärte er vor der Presse, der ganzen Welt Herz und Arme zu öffnen. Und alle glaubten es, sogar die römischen Korrespondenten kommunistischer Zeitungen, die von solchen Audienzen jetzt nicht mehr ausgeschlossen werden.

Ein italienischer Priester, der zu Roncallis ältesten Freunden zählt, hat vor kurzem geschrieben, Roncalli habe immer gewußt, was er wolle, wenn er es auch nicht immer sagte, und es sei durchaus nicht leicht, ihn für eine Sache zu gewinnen. Tatsächlich entfaltet Johannes XXIII. eine Beharrlichkeit und einen Wagemut, die man zunächst nicht erwartet hatte.

Sofort nach seiner Krönung begann er, in der römischen Kurie die personellen Lücken zu schließen, die Pius XII. in den letzten Lebensjahren in übertriebenem, seine Kraftreserven verzehrenden Drang, alles selber zu machen, hinterlassen hatte. Sein Nachfolger hat eine kollegiale Verantwortlichkeit eingeführt, die Methode des team work, ohne etwas von seiner Entscheidungsgewalt abzugeben. Konsequenterweise scheute er sich auch nicht, die vor Jahrhunderten auf 70 Kardinäle festgesetzte Höchstzahl der Mitglieder des „Senates der Kirche“ zu sprengen. Gegenwärtig gibt es 81 Purpurträger. Vielleicht werden es bald 100 sein, wenn die in Rom kursierenden Gerüchte über ein bevorstehendes V. Konsistorium stimmen.

„Schlimmer als Pacelli“