Man kann der Justiz nicht oft genug sagen, wie sehr sie der Gefahr des Irrens ausgesetzt ist“, schrieb von Holtzendorff im Jahre 1875, und Erich Sello zitiert dieses Wort in seinem Werk über die Irrtümer der Strafjustiz (1911). Nicht alles, was 1875 und 1911 richtig war, gilt 1961 noch; aber dieses Wort der beiden Juristen hat heute besondere Bedeutung.

In diesem Jahr hat ein Verfahren die Öffentlichkeit zu Recht erregt: der wiederaufgenommene Mordprozeß gegen Maria Rohrbach, den man einen modernen Hexenprozeß nennen könnte. Was da vor dem Schwurgericht zu Münster über die erste Verhandlung in Sachen Rohrbach herauskam, hat das Vertrauen in unsere Justiz auf eine harte Probe gestellt.

Ein übereifriger und überarbeiteter Gutachter, der Münchener Professor Specht, hatte das falsche Gutachten seines Assistenten Katte mitsamt dessen mehr als gewagten Schlußfolgerungen ungeprüft unterschrieben und in der Hauptverhandlung vertreten, und ein Gericht, das sehr viel Mühe darauf verwandt hatte, um aus dem Vorleben der Angeklagten ihre moralische Verworfenheit abzuleiten, aber wenig Sorgfalt auf die Prüfung der Schuldfrage, folgte den Sachverständigen blindlings, ohne auf die warnende Stimme eines anderen Gutachters zu hören.

Weil Katte im Ofen der Frau Rohrbach Thallium entdeckt hatte (er gab viel zuviel Thallium an, wie sich später herausstellte), vermutete er, daß Maria Rohrbachs Ehemann mit diesem Mittel vergiftet und sein Kopf später im Ofen verbrannt worden sei (während die in Wahrheit vorhandene Thalliummenge in jedem beliebigen Ofen gefunden werden kann). Er legte sich eine Theorie zurecht, wie das Gift verabreicht worden sei: Da in Rohrbachs Magen Haare gefunden worden waren, kombinierte Katte (und unterschrieb Specht), daß es sich um Sternhaare von Malvenblüten handle und Rohrbach „also“ Malvenblütentee getrunken haben müsse (denn dann konnte man weiter schließen, daß in dem sich blaufärbenden Tee das Thalliumgift Celiopaste enthalten gewesen sei, das sonst wegen der auffälligen Farbe schwer einzugeben ist).

Rohrbachs Kopf wurde später in einem Bombentrichter gefunden. Der Botaniker und Pharmakologe Professor Schratz erklärte zu Kattes Theorie: „Von Malvenblüten zu sprechen, ohne auch nur ein einziges, unbedingt nachweisbares Pollenkorn gesehen zu haben, läßt nur auf völlige Unkenntnis oder Verantwortungslosigkeit des Gutachters schließen.“

Ein deutsches Gericht verurteilte Maria Rohrbach zu lebenslänglichem Zuchthaus auf Grund eines Gutachtens, von dem ein anderer Wissenschaftler, Professor Kaiser, im Wiederaufnahmeverfahren sagte: „Das Gutachten enthält so viele Fehler und verrät so viele Unterlassungen und Unwissenheit, es verstößt mit seinen Irrtümern gegen jede klare wissenschaftliche Erkenntnis, es ist mit so viel falschem, scheinbar wissenschaftlichem Ballast beladen, in ihm werden ohne ernsthafte Nachprüfungen so verhängnisvolle Folgerungen gezogen, daß dieses Gutachten in den Augen der ernsthaften Wissenschaft keinerlei Beweiskraft besitzt.“

Der Münsteraner Prozeß wurde das Fiasko eines Sachverständigen, des Professors Specht und seines Assistenten Katte. Es lag nahe, darin das Fiasko des Sachverständigen schlechthin zu sehen und die Stellung des Gutachters in unserem Strafprozeß nunmehr genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei kamen weitere Fälle ans Licht, in denen Sachverständige schrecklich geirrt hatten. Henry Kolarz hat im „Stern“ über einige solcher Fälle berichtet; Hildegard Michaelis veröffentlichte im „Hamburger Abendblatt“ eine Serie über dasselbe Thema.

Man erinnert sich an den größten (längsten) Mordprozeß der Nachkriegszeit, das Verfahren gegen den Zahnarzt Dr. Müller in Kaiserslautern. Müller war angeklagt, seine Ehefrau auf einer gemeinsamen Autofahrt ermordet und mit dem Wagen verbrannt zu haben. Vor dem Schwurgericht hatte der Direktor des gerichtsmedizinischen Universitätsinstituts in Mainz, Professor Wagner, zunächst erklärt: „Die Ehefrau des Angeklagten war schon tot, als der Brand begann, denn in ihrer Lunge sind keine Rußteilchen zu finden“, und die Vermutung aufgestellt, daß die Frau an einer Fettembolie infolge Mißhandlung gestorben sei.