„Durch die Kaiserwahl von 1519 (Karl V.) war die deutsche Krone einem Herrscher ausgeliefert, der in Deutschland nur ein Nebenland sehen konnte. Und dieser Herrscher verfügte zudem über eine Macht, die gefährlich werden konnte.

Die Kurfürsten müssen das wohl gefühlt haben, denn sie suchten sich dagegen zu schützen; aber nur in der naiven Weise, in die der Spießbürger allemal verfällt, wenn er sich in die große Politik verirrt: durch eine Urkunde. Sie wollten dem neuen Kaiser die Hände binden durch eine Wahlkapitulation, in der er versprach, alle Rechte und Privilegien zu achten, seine Regierung, insbesondere seine auswärtige Politik nach dem Rate der Kurfürsten zu führen ... Das bedeutete im Grunde nichts anderes, als daß der neue Kaiser von vornherein die Regierung aus der Hand geben sollte. Die Naivität dieses Aktenstückes ist unübertrefflich. Es gesteht unverhüllt die Angst, die man vor dem fremden Kaiser hat, und sucht Deckung gegen ihn hinter – einem Pergament. Als ob ein Kaiser. sich jemals an derartige Klauseln gebunden haben würde, wo es sein Interesse war und er die Macht hatte, sich darüber hinwegzusetzen!

So ist es denn auch gekommen. Wenige Worte stehen in der Wahlkapitulation, die Karl nicht gebrochen hätte.“

Johannes Haller in „Epochen der deutschen Geschichte“