Die Wissenschaft treibt die Rekorde in die Höhe

Von Adolf Metzner

Das Nationale Olympische Komitee hat einen „Ausschuß zur wissenschaftlichen und methodischen Förderung des Leistungssports“ gebildet. Dieses Gremium tagte jetzt zum ersten Male in Duisburg zusammen mit den Sportwarten und Trainern der deutschen Fachverbände. Ausschüsse gibt es auch im Sport wie Sand am Meer: solche, die wertvolle Arbeit leisten, und solche, die nur konstituiert werden, um unbequeme Probleme zu begraben. Aber der Ausschuß, um den es hier geht, ist tatsächlich in seiner Art ein Novum.

Bisher wurden die Erkenntnisse im Sport, das Wissen um „Technik“ und „Training“, aus der Praxis heraus gewonnen. Hier und dort waren findige Köpfe am Werk, die sich etwas Neues einfallen ließen. Gegen den Widerstand des Hergebrachten kämpften sie nicht selten mit der Hartnäckigkeit verkannter Erfinder und mit der Begeisterungsfähigkeit von Sektierern. Schließlich gab ihnen aber der Erfolg, jener unbestechliche Gradmesser im Sport, recht – die Widersacher kapitulierten.

Phantasie und Zufall

Meist waren es Einzelpersönlichkeiten, die – auch bei der Wissenschaft Anleihen machend – Technik und Training ein Stück näher an die Endstation „Vollkommenheit“ heranbrachten. Dieser Prozeß, der vieles der Phantasie und der Improvisation, ja dem Zufall überließ, war dem Wesen des ernsthaft betriebenen Spiels, das der Sport immer bleiben sollte, angemessen. Es war natürlich ein langer Weg, der nur auf sehr verschlungenen Pfaden vorwärts führte, wobei man manchmal in Sackgassen geriet, weil das Gros den Avantgardisten nicht folgte. Ein kaum bekanntes, aber instruktives Beispiel hierzu sei erwähnt:

Bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm gewann der deutsche Vierer ohne Steuermann aus Ludwigshafen ganz überlegen die Goldmedaille vor den großen Lehrmeistern, den Engländern, die noch vom Nimbus der Unbesiegbarkeit umgeben waren. Die Pfälzer ruderten in einem saloppen neuartigen Stil, der in den Augen der „Orthodoxen“, die – wie ihre Zeit – Stil mit Haltung verwechselten, gar keiner war. Es entspann sich dann eine Diskussion in der Fachliteratur, die damit endete, daß die „Orthodoxen“ mit ihrer überlieferten hölzern wirkenden Ruderweise sich behaupteten. Tatsächlich hatten die Ruderer aus Ludwigshafen lange vor Fairbairn dessen überlegene Technik in den Grundzügen angewandt. Erst als der australische Ruderlehrer später mehrere Bücher über seine neue Technik veröffentlichte und immer mehr Boote mit ihr gewannen, wurde der Fairbairn-Stil in Deutschland 1935 allgemein übernommen.