Für die deutsche Gegenwartsliteratur ist die Frage, ob Günter Graß jetzt mit einer mehr oder weniger gelungenen Erzählung aufwarten konnte, nicht so wichtig wie diejenige nach der Richtung des Weges, auf dem er sich befindet und von dem da. neue Buch vielleicht zu zeugen vermag. Mithin sollte man wohl versuchen, „Katz und Maus“ vor allem als Symptom einer schriftstellerischen Entwicklung zu deuten.

Die Handlung spielt in jenem Danziger Kleinbürgermilieu zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, das man bereits aus dem Roman „Die Blechtrommel“ kennt. Wie in der „Blechtrommel“ wird auch in dieser Geschichte die besondere Situation des Helden durch eine körperliche Benachteiligung und die daraus resultierenden Komplexe festgelegt. Der Schüler Mahlke ist zwar kein buckliger Zwerg, doch immerhin ein abstoßend häßlicher Junge mit einem riesigen Halsknorpel.

Bemerkenswerter jedoch als die Kennzeichen, die beide Bücher miteinander gemein haben, und wichtiger als gewisse Wiederholungen sind diejenigen Elemente, die „Katz und Maus“ von der „Blechtrommel“ unterscheiden. Zwar sind beide Helden mit ungewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet worden, während aber der kleine Oskar Matzerath über sein körperliches Wachstum frei entscheiden und Glas „zersingen“ konnte, bewährt sich Mahlke – von Minderwertigkeitskomplexen getrieben – lediglich als außerordentlich geschickter Amateurtaucher. Diesmal verzichtet also Graß auf die Transzendenz und beschränkt sich auf die rational erfaßbare Welt,

Wozu benötigte er eigentlich als Zentralfigur der „Blechtrommel“ einen monströsen Zwerg? Der Roman vermochte diese Frage – wenn man von einer einzigen, allerdings meisterhaften Szene absieht – nicht recht zu beantworten. Diesmal ist es Graß .gelungen, den Adamsapfel-Komplex seines Helden unmittelbar und überdies auf höchst originelle Weise mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund zu verknüpfen. Mahlke entdeckt, daß nur ein Ritterkreuz seinen peinlichen Körperteil verbergen könnte. Er wird Soldat und erhält an der Ostfront die für seine Zwecke so praktische Auszeichnung. Doch der erträumte Auftritt vor den ehemaligen Mitschülern, denen er mit geschmücktem Hals in der Aula von seinen Taten berichten möchte, wird ihm verweigert, denn der gleiche Komplex, der ihn zum „Helden“ werden ließ, hat einst auch eine läppische Jugendsünde verursacht, an die sich die Lehrer allzu gut erinnern. Und eben jene Tauchkünste, die dem Schüler Mahlke viel Bewunderung eingebracht haben, werden nun dem enttäuschten Ritterkreuzträger und Deserteur aus Trotz zum Verhängnis: Er kommt bei einem Tauchversuch um.

Wie man sieht, haben wir es mit einer hintergründigen und komplexen Fabel zu tun, die sozusagen einen naturgewachsenen doppelten Boden hat. Die Möglichkeiten, die dieser raffinierten Fabel innewohnen, scheinen unbegrenzt zu sein und reichen zumindest von einer miniaturhaften philosophischen Parabel bis zum mächtigen epischen Zeitgemälde. Vor einigen Jahren hätte Graß aus dem Stoff wohl eher einen umfangreichen Roman gemacht. In „Katz und Maus“ wird dem Ich-Erzähler einmal gesagt: „Setzen Sie sich einfach hin, lieber Pilenz, und schreiben Sie drauflos. Sie verfügen doch ... über eine eigenwillige Feder: greifen Sie zur Geige oder schreiben Sie sich frei.“

Mit diesen Worten kennzeichnet Graß jedoch nicht die neue Erzählung, sondern eine bereits überwundene Entwicklungsphase. Er hat sich mit der „Blechtrommel“, dieser epischen Spottgeburt aus Dreck und Feuer, „freigeschrieben“. Damals spielte er auf der Geige wie ein Zigeunervirtuose, dessen wilde und effektvolle Darbietungen mehr zu verblüffen und zu hypnotisieren als – von wenigen glücklichen Augenblicken abgesehen – tatsächlich zu überzeugen imstande waren. Die bewundernswerte Musikalität des Geigers wurde durch billige Tricks verleidet. Jetzt scheint er ruhiger und gelassener zu sein. Ist er etwa müde geworden? Oder vielleicht ernster und reifer?

In der „Blechtrommel“ gingen die Worte mit ihm durch, er wurde immer wieder geschwätzig, wenn auch die Diktion oft drall und prall, saftig und deftig war. In „Katz und Maus“ verzichtet er auf die rhythmischen Trommeleien und die vielen effektvollen Kaskaden. Er geht mit der Sprache sparsamer um. Sein Stil mag jetzt bescheidener und weniger originell wirken. In Wirklichkeit ist er straffer, bündiger und präziser geworden.