Von Christoph von Imhoff

New Delhi, im November

Am Anfang der indischen Geschichte steht nicht etwa ein kriegerisches, sondern ein geistiges Ereignis: Das Eingehen des Buddha in das höchste, überweltliche Nirwana. Das war rund fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt. Seither stand das „Wachstum der inneren Werte“, das sara vadhi und „der goldene Weg der Mitte“, der Versöhnlichkeit, der Gewinnung der Herzen den Indern höher als alle von Westen kommenden Ideen. Indien hat dadurch im Laufe der Geschichte eine Mittlerstellung unter den Hochreligionen der außereuropäischen Welt gewonnen.

Vor diesem Hintergrund werden sich in den kommenden Wochen – vom 18. November bis zum 6. Dezember – in New Delhi Delegierte aus über 180 christlichen Kirchen der Erde zur dritten Weltkirchenkonferenz zusammenfinden. Diese Konferenz ist sowohl kirchengeschichtlich wie weltpolitisch etwas ganz Außergewöhnliches, denn hier vollzieht sich inmitten einer gespaltenen (in zwei oder drei Blöcke gespaltenen?) Welt eine Einigung, die alle politischen Blockbildungen von heute ignoriert und geistig überlagert. Die Kirchenvertreter, die sich dort zusammenfinden, kommen aus allen fünf Erdteilen; aus der weißen und der farbigen Welt; von diesseits und jenseits des „Eisernen Vorhangs“. Nur aus einem der wichtigsten religiösen Zentren der Erde kommen keine Teilnehmer: aus Rom.

Die römisch-katholische Kirche entsendet zwar „offizielle Beobachter“ – es sind gewichtige Namen, die zum „Sekretariat für christliche Einheit“ in Rom und zur Umgebung des indischen Kardinals Gratias zählen – aber sie entscheiden nicht mit, wenn in der Vigyan-Bhawan-Hall, in Indiens größtem und modernstem Versammlungsraum, um die Fragen der Einheit der Kirche Christi gerungen wird. Sie gehen nicht mit an den Altar, wenn sich 186 Kirchen der Erde durch ihre Delegierten unter einem großen Zelt mitten in Indiens Hauptstadt zum Abendmahl versammeln. Sie können es nicht tun, weil sie unter der Kirche Christi auch die organisatorische Einheit unter Rom verstehen. Damit aber teilt sich die Christenheit gleichsam in zwei Hälften, die fast genau gleich groß sein werden: Auf der einen Seite die römische Weltkirche, auf der anderen die drei kirchlichen Hauptgruppen: Die reformatorischen Kirchen, wie die Lutheraner oder die Reformierten; ferner die Anglikaner und schließlich die Orthodoxen.

Das war nicht immer so. Noch vor dreizehn Jahren, auf der ersten Weltkirchenkonferenz in Amsterdam, hatte die Russisch-Orthodoxe Kirche und mit ihr manch andere Kirche aus diesem Lebenskreis dem damals neu gegründeten ökumenischen Rat eine sehr radikale Absage erteilt. Der ökumenische Rat, dieses Notdach der reformatorischen, anglikanischen und eines damals nur kleinen Teils der orthodoxen Christenheit, wurde in Amsterdam noch als ein „Instrument der kapitalistischen Mächte“ bezeichnet und bekam in einer Denkschrift des Moskauer Patriarchats die uralten Ressentiments der orientalischen Kirche gegen den Westen zu spüren.

Auch auf der zweiten Weltkirchenkonferenz des Jahres 1954 in Evanston (USA) hatte sich daran noch nichts Entscheidendes geändert. Bis dahin konnte und mußte man fast von einer Dreiteilung der Christenheit reden: Hier die römische, dort die orientalische und schließlich die im wesentlichen protestantisch geprägte Christenheit.