Ernst May, der „junge 75jährige Plan-Athlet“, erhielt den hamburgischen Fritz-Schumacher-Staatspreis

Ein Porträt von Werner Hebebrand.

Am 4. November, dem 92. Geburtstag des früheren hamburgischen Oberbaudirektors Fritz Schumacher, ist der neu geschaffene hamburgische Staatspreis, der seinen Namen trägt, zum erstenmal verliehen worden. Ihn erhielt der bekannte Städtebauer Ernst May. – Nach dem Kriege wurde von privater Seite bereits ein Fritz-Schumacher-Preis gestiftet, der im Abstand von zwei Jahren an Gustav Oelsner, Rudolf Schwarz und Hans Scharoun verliehen wurde. Die Verleihung des Preises wurde danach für einige Jahre ausgesetzt, und im vergangenen Jahr hielt der Stifter es für richtig, diesen Preis von der Hamburgischen Universität an die Technische Hochschule Hannover zu delegieren. Senat und Bürgerschaft Hamburgs gründeten daraufhin einen Fritz-Schumacher-Staatspreis, weil sie es für richtig hielten, das Andenken des großen Städtebauers am Ort seines Wirkens zu erhalten. So wurde eine Lücke geschlossen, indem zur Musik (Bachpreis), zur bildenden Kunst (Lichtwarkpreis), zur Dichtkunst (Lessingpreis) nunmehr auch ein Architektur- und Städtebaupreis hinzukam. So gibt es nun in Deutschland zwei Fritz-Schumacher-Preise, die sich ihren Satzungen nach an denselben Kreis richten, nämlich: an deutsche Architekten und Ingenieure, die auf dem Gebiet des Städtebaues, der Landesplanung oder des Bauwesens Hervorragendes in Theorie oder in Praxis geleistet haben. Für die Gewährung der Stipendien kommen Nachwuchskräfte, auch Studierende, in Betracht, deren Leistungen überdurchschnittlich sind. Der einzige Unterschied beider Preise besteht darin, daß der Nachfolger Fritz Schumachers, also der jeweilige Oberbaudirektor der Hamburgischen Baubehörde, beim hamburgischen Staatspreis Mitglied des Kuratoriums sein muß, wie es auch bei dem privaten Preis der Fall war, solange er noch an die Hamburgische Universität gebunden war.

Nun erhielt den Fritz-Schumacher-Staatspreis Ernst May, den man wohl mit Recht als den markantesten und aktivsten deutschen Städtebauer der älteren Generation bezeichnen kann – wobei man schon geneigt ist, zu zögern, wenn man May zur „älteren Generation“ zählt.

Die unglaubliche Vitalität dieses Mannes, der vor zwei Monaten seinen 75. Geburtstag vollendete, veranlaßte bereits die bekannte Berliner Fachzeitschrift „Die Bauwelt“ wenige Tage vorher zu einem Aufsatz mit der Überschrift: „Wird Ernst May wirklich 75 Jahre?“ Sie veranlaßte mich in meiner Festrede auf das Geburtstagskind zu der Schlußbemerkung: „Wenn Sie, lieber Herr May, die nächsten fünf Jahre so verbringen, wie Sie die letzten fünf Jahre verbracht haben, könnte es passieren, daß es der Hamburgischen Baubehörde nicht erspart bleibt, daß Sie mein Nachfolger werden!“ Soviel zur Person des hünenhaften Preisträgers mit dem markanten Kopf, des Plan-Athleten, wie er schon genannt wurde. Und nun zur Sache:

Unter den großen Namen der noch lebenden und wirkenden Architekten von internationalem Rang, von denen wir Männer wie Le Corbusier, Gropius, Mies van der Rohe, Neutra nennen wollen, ist Ernst May wohl derjenige, der mehr noch als Städtebauer denn als Architekt hervorgetreten ist. Er dürfte wegen seiner Zivilcourage, seiner politischen Entschiedenheit und seiner unerschütterlichen Konsequenz nur noch mit dem vor einigen Jahren in der Emigration gestorbenen Martin Wagner zu vergleichen sein, dem Berliner Stadtbaurat der zwanziger Jahre, zuletzt Professor an der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts.

Zum neuen Bauen bekannt