R. S., Bonn

Da schlummern also in den Aktenregalen Fahndungslisten aus der Zeit des „Dritten Reiches“, denen man, auch ohne ein Sherlock Holmes zu sein, den verdächtigen Hintergrund ansehen könnte. Hat St. Bürokratius gerade wieder einmal seine Scheuklappen auf, dann können solche Listen auf irgendeinen Schreibtisch geraten und dann passieren die erstaunlichsten Dinge. Das wurde eben erst von der Staatsanwaltschaft in Konstanz vorexerziert. Der dort amtierende Oberstaatsanwalt Gulden veranlaßte auf Grund einer solchen zwanzig Jahre alten Fahndungsliste und, wie man hört, einer neueren Anzeige die Verhaftung des jugoslawischen Handelsdirektors Vracaric, der sich gerade auf einer Dienstreise in München aufhielt. Der Verhaftete wurde beschuldigt, gemeinsam mit zwei anderen Jugoslawen in Jahre 1941 zwei deutsche Soldaten ermordet zu haben.

Nun dürfte sich doch auch in Konstanz inzwischen herumgesprochen haben, daß es damals in Jugoslawien einen Partisanenkrieg gab. Die Vermutung, daß die Tat also eine Kampfhandlung war, lag daher nahe. Als eine Kampfhandlung wird nach neuerer Rechtsauffassung im Kriege die Tötung feindlicher Kämpfer immer dann angesehen, wenn sie nicht aus kriminellen Motiven erfolgt. Es ist nicht notwendig, daß der Täter eine Uniform oder etwa einen Stahlhelm trägt.

Dem Juristen Gulden hätte doch wohl auch bei flüchtiger Erwägung der Umstände der Gedanke kommen müssen, es könnte hier ein Totschlag vorliegen. Der aber wäre verjährt gewesen. Die Verhaftung hätte also auch in diesem Falle unterbleiben müssen. Daß der Fall überdies nicht nur eine juristische, sondern auch eine politische Seite hat, hätte auch für den erkennbar sein müssen, dem die Natur nicht gerade diplomatisches Einfühlungsvermögen zuteil werden ließ. Zum mindesten hätte Oberstaatsanwalt Gulden gut daran getan, sich vorher bei seinem Vorgesetzten, dem Generalstaatsanwalt in Karlsruhe, zu erkundigen, bevor er die Verhaftungsmaschinerie in Gang setzte.

Mag sein, daß es sich hier um eine jener Pannen handelt, die in der öffentlichen wie in der privaten Verwaltung trotz aller Vorsichtsmaßnahmen von Zeit zu Zeit unvermeidbar sind. Jedenfalls sollten unsere Behörden aus dieser peinlichen Affäre lernen und möglichst rasch eine gründliche Überprüfung alter Fahndungslisten anordnen. Im Ausland hat man den Vorgang sofort falsch beurteilt. Das ist nach allem, was in der NS-Zeit geschehen ist, nur zu verständlich.

Daß Vracaric alsbald wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, ist nur ein halber Trost. Auch daß man im Justizministerium und im Auswärtigen Amt peinlich überrascht war, ist noch keine Beruhigung. Schlimm genug, daß ein solcher Fall geschehen ist. Wiederholen darf er sich nicht!