Wir sind überzeugt, daß die Vereinigten Staaten eine Handels-Partnerschaft mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft formen müssen, um so zur Ausdehnung einer weltweiten freien Wirtschaftsgemeinschaft beizutragen.

Christian A. Herter und Willi Clayton in einem Bericht an ein US-Congress-Committee

Walter Lippmann kommentiert den oben zitierten Bericht als einen Riesenschritt vorwärts – sofern er auf die USA-Handelspolitik wirklich Einfluß nehmen sollte. Es ist wohl möglich, daß sich die USA-Regierung ähnliche Gedankengänge zu eigen macht, hat doch der Unterstaatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten, George W. Ball, in einer großen Rede vor der National Foreign Trade Convention das gleiche Thema aufgegriffen. Seine Forderungen sind nicht minder liberal und für amerikanische Begriffe geradezu „revolutionär“.

Was gibt Anlaß zu dieser Neuorientierung in der amerikanischen Handelspolitik? Der sogenannte Trade Agreement Act, aus dem Jahre 1934 datierend, wird im Juni 1962 auslaufen, sofern er nicht, wie bisher schon elfmal, eine Verlängerung und damit verbunden eine Veränderung erfährt. Dieses Gesetz, so, stellen die hier erwähnten Persönlichkeiten fest, kann aber der neuen wirtschaftlichen Lage in der westlichen Welt nicht mehr gerecht werden. Obschon der Act eine grundsätzlich liberale Außenhandelspolitik stipuliert und dem Präsidenten auch eine sehr limitierte Handlungsfreiheit für Zollsenkungen zugestand, blieb die Einflußnahme des Kongresses und seiner Interessengruppen mittels der Einbringung restriktiver Anträge sehr groß. Die Exekutive hatte also wohl die Möglichkeit, in liberaler Richtung fortzuschreiten, sie war aber durch eine recht kurze Kette an das Parlament gefesselt.

Der erfolgreiche wirtschaftliche Aufschwung Europas, verbunden mit einer Integrationsbewegung, welche die wichtigsten Nationen des alten Kontinents erfaßt, läßt nun aber auch die Amerikaner ganz neue Perspektiven erkennen. Diesseits des Atlantiks entsteht so etwas wie ein „Vereinigtes Europa“, und damit ballt sich eine Wirtschaftsmacht zusammen, die bei um sich greifender Anschlußbereitschaft heute noch zaudernder Staaten zu einem Markt von rund 300 Millionen Menschen werden kann. Dieser Komplex hat aber in der westlichen Welt ein erstrangiges Gewicht. Will sich die freie Welt in der Auseinandersetzung mit den kommunistischen Staaten behaupten oder gar gewinnen, dann muß verhindert werden, daß sich die USA und Europa ökonomisch entfremden. Der nach unserer Meinung im 19. Jahrhundert von den Vereinigten Staaten erfolgreich praktizierte Protektionismus (der nach dem Ersten Weltkrieg wenigstens im Politischen eine Auflockerung erfuhr) ist jetzt überholt. Ein starkes Europa darf nicht von einem starken Amerika wirtschaftlich isoliert werden, sonst liegt die Gefahr einer Überrundung durch die Kommunisten wirklich auf der Hand. Die USA müssen sich deshalb, so folgert der Herter-Clayton-Bericht, mit der EWG zusammentun und eine Handelspartnerschaft mit Europa kreieren, die gleichzeitig die Tendenz zur Ausweitung über noch größere Regionen birgt.

Man möchte beinahe sagen: die USA haben vom mißglückten EFTA-Experiment schnell gelernt! Ein Hauptargument einiger EFTA-Länder war (und deshalb glaubten sie einer Verbindung mit der EWG entraten zu müssen), daß nicht eine „enge“ europäische Gemeinschaft aufgebaut werden sollte, sondern in direktem Verfahren eine weite, möglichst weltweite Freihandelsregion. Diesen Wunsch haben die USA auch, aber sie erkennen nüchtern und vernünftig, daß man gerade um dieses fernen Zieles willen mit der EWG verhandeln und sich mit ihr verbinden muß. Einige EFTA-Staaten haben das inzwischen auch eingesehen!

Die Integrationsbewegung scheint also um sich zu greifen. Darf man deshalb heute schon von einer „heilsamen Epidemie“ sprechen? Man darf; denn der weltweite Integrationsdruck wird gewisse Einsichten klarmachen: Die amerikanischen Protektionisten werden erkennen, daß eine hochentwickelte, starke Nation die schutzzöllnerischen Schwimmwesten einmal ablegen sollte und der Welt die vielgepriesenen liberalen Schwimmkünste vordemonstrieren müßte. Die begeisterten europäischen Integrationisten werden sich sagen müssen, daß sie ihre „Geschichte“ nicht ganz ohne Rücksicht auf die „Nicht-Mitglieder“ machen können, und beide zusammen – Europäer und Ameikaner – werden vielleicht ihre egozentrische btrachtungs- und Handlungsweise in Bälde etwas lildern und dann auch jener Regionen gedenken, die zwar nicht so zentral gelegen sind, die aber für das wirtschaftliche Wachstum der westlichen Welt von großer Bedeutung sind. Wir wollen hier einmal nur Kanada, Australien und Japan rwähnen. Rle.