Überblickt man die lange Liste von Versäumnissen und Fehlentscheidungen, die die republikanischen Kritiker dem Weißen Haus präsentieren, so zeigt sich, daß es drei, vier Hauptpunkte sind, unter die sich alle Vorwürfe gliedern lassen. Da ist zunächst einmal immer wieder Kuba. Nicht, daß die Republikaner dem Präsidenten vorhalten, er hätte das unselige Landungsunternehmen gar nicht erst zulassen sollen. Nein, sie sagen, er hätte die an sich ganz richtige Entscheidung auch konsequent durchführen und den landenden Rebellen die volle Unterstützung der amerikanischen Streitmacht zukommen lassen sollen. Die Kuba-Episode sei, so fügen sie hinzu, typisch für die fatale Halbund-Halb-Politik, die Washington neuerdings betreibe.

Was Berlin anlangt, so geben die Kritiker aus dem Lager der Republikaner zwar zu, daß die Position, die der Präsident in dieser Frage bezogen habe, zwar im großen und ganzen richtig sei. Er lasse es aber, so meinen sie, an jener Courage fehlen, die dazu gehöre, um endlich vom amerikanischen Volk all die Opfer zu verlangen, von denen er im Wahlkampf so tönend gesprochen habe. Opfer aber seien notwendig, um die amerikanische Rüstung auf den Stand zu bringen, der es ermöglicht, Drohungen und Erpressungen des Kremlherrn standzuhalten.

Übersetzt in die realistische Sprache amerikanischer Innenpolitik bedeutet „Opfer“ hier natürlich nichts anderes als eine Erhöhung der Steuern. Das scheint nun zunächst in einem Widerspruch zu dem allerorten angeschlagenen Klagegesang der Republikaner zu stehen, die neue Regierung gebe viel zuviel Geld aus und die Gefahr eines gewaltigen Defizits werde immer bedrohlicher. Aber dieser Widerspruch ist wirklich nur scheinbar. Die Republikaner, wenn sie sagen, Kennedy greife zu tief ins Staatssäckel, meinen damit nichts anderes, als daß er die Dollars an der falschen Stelle ausgebe, ja verschleudere, nämlich durch überflüssige öffentliche Ausgaben im Inneren. Gegen höhere Rüstungsaufwendungen haben die Republikaner derzeit – schon weil es in die Linie ihres neuen, aufs Amerikanisch-Patriotische gerichteten Kurses paßt – nichts einzuwenden. Im Gegenteil.

Neuerdings hat sich das Kreuzfeuer zwischen Regierung und Opposition nun auch an der Frage der Atomtests entzündet. So hat sich der ehemalige Vizepräsident Nixon „im Interesse der Sicherheit Amerikas“ für eine sofortige Wiederaufnahme der Kernwaffenversuche in der Atmosphäre ausgesprochen. Der New Yorker Gouverneur Rockefeller schloß sich dieser Forderung an, und Barry Goldwater, der kämpferische republikanische Senator aus Arizona, ist mit seinem ceterum censeo in den Chor eingestimmt: Er war schon immer für die Wiederaufnahme von Kernversuchen.

Da haben wir sie nun also, die „Großen Drei“ in der republikanischen Angriffsphalanx. Einer von ihnen wird, wenn nicht, alle politischen Vorzeichen trügen, im Wahljahr 1964 gegen Präsident Kennedy antreten. Dieses Triumvirat, das allerdings weder durch Freundschaft noch durch gleiche Ziele, sondern allein durch die gemeinsame Zugehörigkeit zur Oppositionspartei verbunden wird, hat letzthin durch einen vierten Mann noch beträchtliche Rückenstärkung erhalten: Eisenhower, der als Expräsident nun wieder General geworden ist und der als höchst geachtetes Denkmal seiner selbst in weiten Kreisen noch immer viel Autorität genießt, hat sich jüngst wieder sehr kritisch zur Tagespolitik vernehmen lassen.

Nun könnte die Welle der republikanischen Kri-:ik, die seit neuestem gegen ihn anbrandet, den Herrn im Weißen Haus ziemlich ruhig lassen, sofern er nur an die Wahlen von 1964 zu denken hätte. Denn drei Jahre sind schließlich doch eine lange Zeit und viel Wasser wird bis dahin noch den Potomac herunterfließen. Aber ein anderes Datum rückt näher, steht wahlkampftaktisch sozusagen schon vor der Tür. In einem Jahr, also im November 1962, gibt es Kongreßwahlen.

Die Republikaner zeigen sich zuversichtlich – und ihre gegenwärtigen Anfangserfolge sind auch ganz dazu angetan, sie hoffen zu lassen, es werde ihnen gelingen, mehr Leute aus ihren Reihen in den Senat und vielleicht sogar genügend republikanische Abgeordnete in das Repräsentantenhaus zu schicken, um die demokratische Mehrheit zu brechen. Sollte während des nächsten Jahres das Gefühl des Unbehagens und der Unzufriedenheit im Volk noch wachsen, dann wäre es gar nicht ausgeschlossen, daß die Opposition ihr freilich recht hochgestecktes Ziel tatsächlich erreichen könnte. Eine solche Niederlage würde Kennedys Regierungsarbeit stark belasten, und sie würde natürlich auch auf seinen „Titelkampf“ im Jahre 1964 schon im vorhinein einige unangenehme Schatten werfen.