R. B., Berlin, im November

Die Friedrichstraße ist wieder normal geworden. Die amerikanischen und sowjetischen Panzer sind verschwunden und der Verkehr funktioniert nach polizeilicher Vorschrift: die Vopos drüben kontrollieren alles, was Zivil anhat. Die Schupos auf der Westseite kontrollieren jeden, der nicht im Militärwagen fährt. Der kleine Unterschied verursachte den Konflikt und bringt es zuwege, daß heute die Friedrichstraße zwar Durchlaß für Ausländer blieb, in der internationalen Politik jedoch eine Art Sackgasse geworden ist.

Die Kontrolle geht reibungslos vonstatten und wird von denen, die kontrolliert werden, sogar mit Eifer betrieben. Es sind durchweg Diplomaten östlicher Provenienz, die früher gern an den Nasen deutscher Posten vorbeifuhren. Sie halten jetzt spontan vor Westpolizisten, weisen ihre Personalpapiere vor, ganz so, als müßten sie durch ihr Verhalten das Recht der Volkspolizei erobern, ebenfalls Zivilisten zu überprüfen, selbst wenn sie zu den westlichen Militärverwaltungen gehören und in den mit Kennummern der westlichen Besatzungsmächte versehenen Kraftwagen fahren. Zwischen deutschen Polizisten von Ost und West gibt es zwar keine Sympathie und ganz gewiß keine Solidarität. Aber nach den Zwischenfällen der letzten Woche sind sie beide über ihre minderen Aufgaben, Ausländer nur höflich zu grüßen, hinausgewachsen und kontrollieren jetzt, wie es sich für Polizisten gehört.

Nur die uniformierten Insassen von Militärfahrzeugen aller Art unterliegen nicht dieser Kontrolle. Es gibt einige wenige westalliierte Militärwagen, die sich zu besonderen Dienstgeschäften gelegentlich nach Ostberlin begeben. Regelmäßig dagegen passieren sowjetische Armeefahrzeuge die Sperre an der Friedrichstraße. Sie transportieren Ablösungen für die Wache an dem sowjetischen Ehrenmal im Westberliner Tiergarten an der Straße des 17. Juni. Zum Jahrestag der bolschewistischen Oktoberrevolution pflegen die Sowjets Delegationen an das Ehrenmal nach Westberlin zu schicken. Die Briten, in deren Sektor das mit zwei Panzern geschmückte Denkmal steht, hatten sich zu diesem Anlaß eine besondere Geste ausgedacht: Sie schlugen den Sowjets vor, ihre Delegationen nicht über den vom DDR-Innenminister festgelegten Ausländerübergang Friedrichstraße zu schicken, sondern sie die nahe gelegene, aber von Minister Maron für solche Zwecke keineswegs genehmigte Passierstelle Invalidenstraße benutzen zu lassen. Die Briten stellten dort eine Eskorte bereit, damit die Denkmals-Pilger von der Westberliner Bevölkerung nicht belästigt würden. Und siehe da, die Sowjets kümmerten sich nicht um Maron und kamen über die Invalidenstraße.

Am Checkpoint Charly erscheinen keine Angehörigen der US-Mission mehr in Zivil. Für und gegen ihren Anspruch, unkontrolliert nach Ostberlin zu fahren, hatten General Clay und der sowjetische Kommandant Oberst Solowjew Panzer, Schützenwagen und bemannte Jeeps auffahren lassen. Ihretwegen stehen die Panzer jetzt beiderseits auf unbebauten Grundstücken, und die Mannschaften müssen trotz des Novemberwetters mitten in der Großstadt in Zelten schlafen. Das alles geschieht, weil die Amerikaner wissen ließen, sie würden vorläufig, "bis zur Klärung auf höherer Ebene", auf ihre bewaffneten Vorstöße über die Sektorengrenze verzichten.