Von Marion Gräfin Dönhoff

Habemus Papam – wir haben einen Papst! Mit diesem jubilierenden Ruf pflegt der erste Kardinals-Diakon von der Loggia des Sankt Peter den Abschluß der päpstlichen Wahl zu verkünden.

Wir haben wieder einen Kanzler. Endlich. Aber niemand jubelt, zu deprimierend war das Geschehen und Gebaren der letzten sieben Wochen. Ein weiterer grundlegender Unterschied zu jener römischen Wahlversammlung: Hätte man die beiden Fraktionen, die entschlossen waren, sich auf einen Kandidaten zu einigen, zusammen ins Konklav gesperrt, nie, auch nach 365 Tagen nicht, hätten sie sich auf Konrad Adenauer geeinigt.

Wieso nicht? Weil dies nur möglich war, solange die zukünftigen Partner getrennt auftraten, und man jedem etwas anderes "erzählen" konnte. So wurde beispielsweise dem Kandidaten für das Entwicklungsministerium Walter Scheel zugesichert, ihm würden die heute im Außen- und im Wirtschaftsministerium eingebetteten Wirtschaftskompetenzen, die mit der Entwicklungshilfe zusammenhängen, übertragen, während gleichzeitig Professor Erhard gegenüber beteuert wurde, nichts, aber auch gai nichts werde sich, an seiner Zuständigkeit ändern.

Nun, die Methoden, mit denen die Regierungsbildung in Bonn vorbereitet wurde, sind eben für den normalen Bürger schwer verständlich. Nicht nur, daß niemand den Gesichtspunkten des Kanzlers recht folgen konnte, auch das Verhalten der Abgeordneten blieb weithin unverständlich. Eine Vielzahl der CDU-Abgeordneten war gegen eine neuerliche Kandidatur Konrad Adenauers. Kaum einer von diesen, der nicht in der privaten Unterhaltung dieser Einstellung laut und unmißverständlich Ausdruck verlieh – aber in der Fraktionssitzung vor dem Angesicht des obersten Herrn, da gab es bei der ersten Abstimmung innerhalb der Fraktion nur einen einzigen, beim zweitenmal nur vier Abgeordnete (von 250), die sich offen zu ihrer Überzeugung bekannten.

Einige von ihnen waren rasch verreist, andere verließen vor der Abstimmung den Saal. So als sei jene ziemlich schäbige List, mit der man sich in Aufsichtsrats- oder Vereinssitzungen gelegentlich einmal aus der Affäre ziehen kann, dazu angetan, sich auch um Entscheidungen – und vielleicht doch wirklich Schicksalsentscheidungen – für die nächsten vier Jahre zu drücken. Und die Wähler? An sie hat offenbar niemand mehr gedacht. Sie sind irg enttäuscht über ihre Repräsentation auf höchste: Ebene.

Doch sollte man nicht versuchen, die jüngste Vergangenheit zu "bewältigen", sondern sich möglichst rasch von ihr ab und der Zukunft zuwenden Denn jene ist nicht zu bewältigen, aber diese noch zu gewinnen, mindestens darf sie nicht verloren werden. Und verloren wäre die Zukunft, wenn wir aus den letzten Ereignissen die Konsequenz ziehen wollten, die Demokratie sei eben doch eine unbrauchbare Regierungsform. Wenn die, die sie handhabten, einen so miserablen Stil an den Tag legten, so liegt das sicherlich auch an uns, die wir dies ohne zu rebellieren in all den Jahren zugelassen haben.