Die Wirtschaftsgeschichte kann nicht einseitig erklärt werden

Von Hans Blume

"Marx auf den Kopf gestellt" – so lautete der Titel eines am 9. Juni 1961 erschienenen ZEIT-Aufsatzes, der die Abhandlungen des Religionssoziologen und Wirtschaftspolitikers Müller-Armack zum Thema hatte. Seine Geschichtsbetrachtung stand unter folgendem Leitmotiv: Als die "entscheidenden Mächte der Geschichte" erscheinen "die großen religiösen und metaphysischen Systeme". Die geistig-religiösen Faktoren prägen nicht nur das Kultur- und Geistesleben einer Epoche, sondern auch das politische Geschehen, den gesellschaftlichen Verkehr und die Wirtschaftsform und stiften somit geradezu den jeder Epoche eigentümlichen und einheitlichen Kulturstil. Müller-Armack stellt darüberhinaus die Kausalfrage als Entweder-Oder, wobei er entgegen der Marxschen "Pervertierung" des Hegeischen Idealismus zum historischen Materialismus nun "seinerseits Marx auf den Kopf stellt indem er dessen monokausale Erklärungsart der Geschichte übernimmt, aber nicht die Produktionsformen für die Ideologien, sondern die religiösen Ideen für die Wirtschaftsstrukturen verantwortlich macht" (R. Nitsche DIE ZEIT Nr. 24 vom 9. Juni 1961). – Richtig ist, daß Wirtschafts- und Sozialgeschichte einerseits und Geistesgeschichte andererseits nicht unverbunden nebeneinander herlaufen, sondern immer aufeinander bezogen sind. Jede einseitige, monokausale Erklärung derartiger Zusammenhänge stößt aber früher oder später auf unüberwindbare Schwierigkeiten.

Wie steht es nun mit der Vorherrschaft der sittlichen, geistigen und religiösen Kräfte angesichts ihres Nachhinkens hinter dem materiellen Entwicklungsprozeß, der dem Menschen über den Kopf zu wachsen und ihn zu beherrschen droht? Oder wie erklärt die metaphysisch-religiöse Geschichtsdeutung den Fall, den Karl Mannheim erwähnt: Der Mensch verwendet seine hervorragenden technischen Errungenschaften, um in zwei furchtbaren Weltkriegen seine primitivsten Instinkte auszuleben. – Denken wir auch an Hans Freyers These von der Verfallenheit des Menschen an "sekundäre Systeme", wie z.B. an anonyme wirtschaftliche und soziale Mechanismen vom Fließband und der Reklame über die sog. öffentliche Meinung bis zur Propaganda. – Garantiert aber Müller-Armacks "metaphysischer Universalschlüssel" die Erfassung ökonomischsozialer Prozesse und ihre Beherrschung?

Sündenfall des Idealismus

Müller-Armack gewinnt seine Position aus dem Gegensatz zum Materialismus. Und natürlich sehen die Verfechter einer anti-materialistischen Geschichtsdeutung ihre Hauptaufgabe in der Oberwindung der Lehre von Karl Marx, der als fanatischer Materialist den Geist und die Religion aus der menschlichen Geschichte verbannen wollte. Es würde sich demnach um einen Kampf für Freiheit und Geistigkeit gegen Notwendigkeit und mechanischen Determinismus handeln.

Fragen wir einmal trotz aller historisch bedingten und aktuellen Vorurteile: Was ist eigentlich historischer Materialismus, dieser vielverdammte Sündenfall des Idealismus, diese Pervertierung Hegelscher Theorie?