Von Rudolf Maack

Einen Dichter oder einen Architekten zu würdigen, erfordert keine große Kunst; man kann auf ein Werk verweisen, das vor aller Augen liegt Schwieriger schon ist es, einen Maler oder einer Komponisten in seiner Bedeutung darzustellen, denn deren Werke sind nicht ohne weiteres zugänglich. Am schwersten ist es, über Tanz zu schreiben und gar über einen, der seit Jahrzehnten vergangen ist. Denn Tanz lebt nur, solange er vollzogen wird. Wenn der Vorhang fällt, ist er verflogen.

Man kann ihn aufzeichnen, man kann ihn nachahmen; aber gerade das Eigentliche läßt sich nicht wiederholen. Das klassische Ballett zwar versucht, diesem Gesetz zu trotzen. Es will die Zeit aufheben, indem es alte Formen immer neu zu erfüllen strebt. Solche Versuche können technisch vorzüglich sein. Aber sie enthalten nichts Schöpferisches, und sie sprechen nicht von unserer Zeit.

Mary Wigman war eine schöpferische Tänzerin, und sie antwortete auf die Fragen ihrer Zeit. Eben darum sind ihre Tänze unwiederholbar. Das waren sie schon, als Mary Wigman selbst 1938 ihre "schönsten Tänze" zeigte, einen Rückblick über 16 Jahre. Sie behauptete, die Tänze seien unverändert. Aber wer sie von Anfang an gesehen hatte, durfte das bezweifeln. Ihre Form mochte die gleiche geblieben sein. Aber sowohl die Tänzerin als auch das Publikum hatte sich gewandelt, und das gab den Gestaltungen eine neue Dimension. Die Zeit war in sie eingezogen. Unsere Erinnerung klang in ihnen mit.

Alle Tänze Mary Wigmans sind Erinnerung geworden. Wohl hat sie 1953 in mehreren Städten vor ihrer großen Gruppe als Seherin noch einmal getanzt, wohl ist sie beim Unterricht in ihrem Dahlemer Studio immer noch die beseelteste Gestalt. Aber niemand kann von ihrem Tanz eine lebendige Vorstellung besitzen, der sie nicht gesehen hat in einem der Jahre zwischen 1919 und 1942. Es liegt nahe, zu denken: Wenn ihre Kunst; so stark in jener Zeit wurzelte, dann würde sie uns heute nichts mehr zu sagen haben.

Indes: sagen uns Barlach und Marc heute nichts mehr – oder Heym und Trakl, beides Mary Wigmans Altersgenossen? Nicht nur das sind sie, sondern ihre Brüder im Geiste, nämlich wie sie voll von Untergangsahnung und Zukunftshoffnung. Mary Wigmans Tänze waren ein Ruf nach Erneuerung des Menschen, eine Wiederherstellung seiner seelischen Ganzheit, eine Ausformung seiner bewegenden Kräfte und schließlich in den beiden großen Zyklen ihrer Reifezeit, in der Schwingenden Landschaft und im "Opfer", eine Gestaltung der letzten Daseinswirklichkeiten, Anrufungen der Mächte Leben und Tod.

Sie ist einmal nach dem Inhalt ihrer Tänze gefragt worden. Ihre Antwort lautete: der Mensch und sein Schicksal. Ob dieses Thema uns heute angeht – solche Frage kann nicht ernstlich gestellt werden. Eine andere Frage ist es, ob die künstlerische Form, in der Mary Wigman dieses ewig unbewältigte Thema gestaltete, uns heute das gleiche bedeuten würde wie damals.