Adenauer und die FDP gehen einen schweren Gang

R. S. Bonn, im November

Nur 259 von den 309 Abgeordneten der unter so viel Ärger und Zeitverlust zustande gebrachten Regierungskoalition gaben Dr. Adenauer bei der Kanzlerwahl am Dienstag ihre Stimme. Es haben offenbar 21 Abgeordnete aus dem Regierungslager gegen ihn votiert, und 26 enthielten sich der Stimme.

Es ist nicht anzunehmen, daß diese Anti-Adenauer-Demonstration – denn eine solche war es – nur auf das Konto der FDP geht. Hier muß mancher CDU- und CSU-Abgeordnete, der bei der offenen Abstimmung in der Fraktionssitzung nicht zu opponieren wagte, heimlich seinem Ärger Ausdruck verschafft haben. Es war offensichtlich der lange, unerfreuliche Streit um Erhard und mit ihm, der hier nachgewirkt hat. Der knappe Sieg ist kein gutes Omen für dieses Kabinett und diese Koalition.

Gewiß, vor zwölf Jahren hat Dr. Adenauer mit nur einer Stimme gesiegt und dann mit dieser noch sehr viel kleineren Mehrheit das Fundament für seine späteren Erfolge gelegt. Aber damals war er junger, er hatte mehr Spannkraft. Und jene Koalition war auch noch nicht durch so viel böse Auseinandersetzungen vorbelastet.

Neues Kabinett – alter Stil?

Dennoch bleibt Adenauer, solange ihn seine Gesundheit nicht im Stiche läßt, die dominierende Gestalt in dieser Koalition. Er wird versuchen – und meist wohl mit Erfolg – dem Kabinett seinen Stil, seine Konzeption aufzuzwingen, wie er es in den vorangegangenen Legislaturperioden getan hat. Noch immer geht eine starke amalgamierende Kraft von ihm aus. Ihr werden sich die neuen Minister der FDP kaum entziehen können. Man weiß bei der FDP nur zu gut, wie schwer es ihre Vertreter im Kabinett haben werden, dem zielstrebigen, erfahrenen Kanzler gegenüber ihren Standpunkt zu wahren und sich neben den zum Teil so begabten und bewährten Kollegen von der CDU/CSU zu behaupten.