Das Kind im Manne, von Christian Morgenstern zärtlich besungen, ist ein Wesen, das mancherlei Talente und Launen besitzt. Sofern sie sich im Spiel mit Eisenbahnen, im Grimassenschneiden oder im Versuch, den Saatkrähen Russisch beizubringen, äußern, liegt kein Grund zur Besorgnis vor. Ärgerlich wird die Sache erst, wenn das Kindliche den Mann (und andere Sorten des homo sapiens) dazu verführt, seinen Namen ins Kirchengestühl einzuritzen, Museumswände zu verzieren und an anderen Orten sichtbare Zeichen seines Präsenz zu hinterlassen. Die Narrenhände, die Tisch und Wände bekritzeln, sind durchaus nicht immer die Pfoten von Jugendlichen.

In New York haben die städtischen Verkehrsbetriebe – ein Unternehmen, das weniger auf Humor als auf einem ständigen Defizit beruht – der Kritzelkunst ihrer Kundschaft ein neuartiges Betätigungsfeld eingeräumt. Im Gegensatz zu den Faustregeln für Verkehrsteilnehmer wie "Rauchen verboten", "Türen schließen" und "Nicht auf den Boden spucken" prangt der Spruch "Bitte kritzeln" unter großen Plakaten, die in verschiedenen U-Bahnstationen aufgehängt worden sind. Wie in den Vorlagen von Kindermalbüchern gibt es hier Serien männlicher Visagen, die man mit dem martialischen Schnurrbart Dalis oder vereinzelten Stechhaaren à la Adamson schmücken darf. Die weiblichen Modelle eignen sich besonders zum Auftragen von Wangenrouge oder prachtvoll gespreizter Augenbrauen. Es ist auch gestattet, Zähne anzuschwärzen. Das populäre Gewerbe der Verschandlung ist legalisiert worden.

Bürgert das Verfahren sich erst einmal ein, so kann man sich auf allerhand gefaßt machen. Für Zeitgenossen, die der Versuchung nicht widerstehen können, sich im Kaufhaus ein paar Strümpfe unbemerkt anzueignen, wird eine Spezialabteilung mit dem Motto eingerichtet: "Stecken Sie sich in die Tasche, was immer Ihnen gefällt!" Freundliche Hausdetektive ermuntern die Kundschaft, sich an den Waren schadlos zu halten. Schulkinder, die ihrem Lehrer gern ein Schnippchen schlagen, erhalten laut Lehrplan wöchentlich eine Freistunde für legales schlechtes Benehmen, und Angestellte, die ihren Chef nicht ausstehen können, dürfen einmal im Monat zu ihm sagen: "Unfaßbar, wie manche Trottel Karriere machen", ohne daß ihnen das geringste zustößt.

Die Frage ist nur, ob das Kind im Mann die legale Narrenfreiheit akzeptiert und künftig seine Unarten im Rahmen des Erlaubten begehen wird. Denn ein Verbot, das keines ist, verliert doch wohl an Reiz. Robert von Berg