Liebe auf Distanz, jedoch ohne Isolierung – Das Ziel heißt: Alterserfüllung

Was wird mit den alten Menschen, wenn sie im Zeitalter des Nützlichkeitsdenkens "unnütz" geworden sind, wenn sie der Gesundheit wegen oder schematisch mit dem 60. und 65. Lebensjahr Rentner oder Pensionäre werden? Die "Lebenserwartung" wird ständig größer, die Zahl alter Leute nimmt zu, und die Alterspyramide verformt sich allmählich zu einem rechteckartigen Gebilde. Dürfen wir "die Alten" ins Altersheim schicken? Es gibt die von Behörden und Verbänden errichteten Altersheime für Menschen, die einen Haushalt nicht mehr selbständig versorgen können; es gibt Pflegeheime (oder Alterskrankenhäuser) für diejenigen, die leidend und meist bettlägerig sind (mehr als an Häusern fehlt es hier jedoch an Pflegepersonal); und es gibt die vorwiegend durch Privatinitiative entstandenen Alterswohnungen oder -wohnheime für rüstige Rentner und Pensionäre, die sich selber versorgen. Gerade hier hat Hamburg, die Stadt der Alters-Stiftungen mit ungebrochener Tradition, Einzigartiges aufzuweisen. Besonders erfreulich an der Entwicklung in dieser alten Demokratie ist, daß staatliche und nichtstaatliche Kräfte zusammenwirken und sich ergänzen, so bei der Förderung privater Initiative zum Beispiel durch Hergabe öffentlicher Baudarlehen.

In Hamburg werden Pflegeheime, die bei ihrem Betrieb den größeren Aufwand erfordern, vornehmlich von staatlicher Seite unterhalten, während sich die freie Wohlfahrtspflege in erster Linie dem Bau und der Unterhaltung von Alterswohnungen in Stiften zugewandt hat. Von etwa 500 privaten Stiftungen in Hamburg dienen viele dem Lebensabend alter Menschen. In das Johanniterstift beispielsweise kaufen noch heute Hamburger Familien ihre Töchter schon im Kindesalter für den Fall ein, daß sie unverheiratet bleiben. Im Alter erhalten sie dann in diesem Stift Rente und freie Wohnung. Auch die Altrentner-Fürsorge, die in der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg durch Privatinitiative entstand, sei hier genannt. Das von dieser Organisation veranstaltete Domfest bringt alljährlich beträchtliche Spenden auf.

Um ein Beispiel für den wachsenden Bedarf an Einrichtungen für alte Leute zu nennen: In Hamburg waren im Jahre 1939 von fast 150 000 Menschen über 65 Jahren mehr als 6000 in staatlichen oder staatlich verwalteten Stifts- und Rentnerwohnungen untergebracht, weitere 6000 in Alters- und Pflegeheimen. 1970 werden mehr als doppelt soviel, nämlich 14 000 Alterswohnungen und ebenso viele Plätze in Alters- und Pflegeheimen nötig sein.

Noch wird der überwiegende Teil der alten Menschen in Familien betreut und gepflegt. Die Ärzte wünschen das auch für die Zukunft, und sie haben viele Fürsprecher auf ihrer Seite. Wie stark jedoch die Fürsorge für alte Menschen in jüngster Zeit von der Familie auf die Allgemeinheit übergegangen ist, zeigen Bemühungen um die Erfüllung des "dritten Lebens".

Wenn das Altersproblem diskutiert wird, erhebt sich schier automatisch ein kompakter Vorwurf gegen die "Herzlosigkeit" der jüngeren Generationen. Kein Platz für alte Eltern – Verdrängung des Alters – Ungeduld, Teilnahmslosigkeit, Roheit – das etwa wird immer wieder den Jüngeren vorgeworfen, oft freilich zu Unrecht. Die "Großfamilie" hatte im städtisch-bürgerlichen Bereich schon lange vor der Wohnungsbewirtschaftung der Vergangenheit angehört. Wer die etwas länger patriarchalisch gebliebenen ländlichen Verhältnisse dagegen ins Treffen führt, vergißt die jahrhundertealte segensreiche Einrichtung des "Antragshäusels" und des Altenteils. Auch in großen städtischen Industriebezirken – Krupp sei als Beispiel genannt – hat es schon vor dem Ersten Weltkrieg Pensionärssiedlungen für die alten Ehepaare von Betrieben gegeben. Sie blieben jedoch immer Ausnahmen, die sich nur wohlhabende Firmen leisten konnten.

Nun, seit dem Zweiten Weltkrieg sind die Wohnungen so klein geworden, daß sie wirklich "keinen Platz für alte I-’liern" bieten – es sei denn um den Preis auch der bescheidensten Ungestörtheit, die erwachsene Kinder mit eigener Familie brauchen. So "schiebt" man denn die alte Mutter "ins Heim ab" – und alle Welt ist entrüstet. Nicht immer geschieht es aus Herzlosigkeit. Manches schwer arbeitende Ehepaar ist der Mühe, die alten Eltern selbst zu versorgen, physisch und psychisch nicht gewachsen.