Von Robert Jungk

Laßt uns doch träumen, laßt uns die jungen Dichter verehren, die uns nicht nur von einer sterilen Fabrikwelt sprechen. Der Kommunismus, den uns die Väter hinterlassen, ist voller Haß und läßt uns gleichgültig. Es ist ihm nicht gelungen, den Menschen zu ändern, den Menschen zu bessern." Diese Sätze aus dem Brief einer jungen Russin namens Sonja Chouarakowitsch, der vor einigen Monaten in der sowjetischen "Zeitung für Literatur" veröffentlicht wurde, zitierte der junge italienisch-französische Schriftsteller Jean Marabini als einen der vielen Belege für die "Revolte der Söhne", die er bei seiner letzten Reise in die Sowjetunion beobachtet hat. In Paris, auf einer Kaffeehausterrasse der Avenue Matignon, erzählte er mir von der neuen Generation in Rußland. Nächtelang hat Marabini mit jungen Menschen über Psychoanalyse, Nietzsche, abstrakte Kunst, indische Philosophie und viele andere Themen diskutiert, die von der linientreuen kommunistischen Presse auch heute noch als "dekadent", wenn nicht sogar als "staatsfeindlich" gebrandmarkt werden.

Eigentlich war Marabini in die Sowjetunion gekommen, um auf Grund des dort gehorteten Archivmaterials für einen französischen Verlag eine neue Geschichte der russischen Revolution zu schreiben. Tage und Wochen diskutierten drei Archivare mit ihm sind versuchten ihn zu überzeugen, daß die Unterlagen, die er in den Sozialarchiven und Bibliotheken des Westens gefunden hatte, unwichtig oder unrichtig seien. Als er sich nicht bekehren ließ, brachen sie schließlich die Unterhaltungen ab. Und so hat der junge Franzose nun statt der geplanten Reise in die Vergangenheit eine Reise in die Zukunft der Sowjetunion gemacht, statt in den Akten der Marx-Lenin-Bibliothek zu wühlen, hat er versucht, in die Köpfe und Herzen der jungen sowjetischen "Intelligenzia" zu blicken.

Bei einem Gespräch mit jungen Technikern hatte sich Marabini darüber beklagt, daß er auf einem Spaziergang durch den Sokolniki-Park ständig von den Stimmen der Lautsprecher verfolgt worden sei, die in pathetischem Tonfall immer wieder die "Größe des Sowjetvolkes" posaunten. "Ja, Sie haben ganz recht", wurde ihm geantwortet, "diese Art der Propaganda ist unerträglich, und wir empfinden sie sogar als beleidigend, denn das hört sich ja so an, als leisteten wir unsere Arbeit nur, wenn wir immerfort auf diese geschmacklose Weise angetrieben werden."

In Kiew – das Gespräch drehte sich um den Gagarinkult – hieß es: "Die alte Generation plustert sich auf und gackert wie ein Huhn, das ein Ei gelegt hat. Habt Ihr unseren lieben, braven Kleinen gesehen, unseren lieben kleinen Gagarin?... Der Unterschied zwischen den Alten und uns läßt sich in einem Satz ausdrücken: "Wir weigern uns, große Worte zu machen."

Marabini faßt seine Eindrücke folgendermaßen zusammen: "Im Laufe meiner Reisen durch dieses große Land war ich immer wieder überrascht, wie sehr sich dort die Allen und die Jungen unterscheiden. Die Jungen zeigten Gelassenheit, Sicherheit und gute Laune. Die Frauen waren elegant und betonten ihre Weiblichkeit. Die Alten stecken voller Komplexe und sind unfähig, sich Neues anzueignen. Nirgends in der Welt hat es je etwas Ähnliches im Verhältnis von zwei Generationen gegeben ..."