Von H. M. Nieter O’Leary

Neulich besuchte ich einen guten Bekannten, der Geruchsfachmann ist, in seinem Labor. Den Anstoß dazu gaben eigentlich meine beiden Scottiehunde, weil sie bei Regenwetter immer so nach alter Yakwolle riechen. Der Yakgeruch erweckt in mir dann immer die Erinnerung an die fernen Paßhöhen des Himalaja, wo die Yackarawanen langsam und bedächtig vorübertrotten. Da es aber in England oft regnet, riecht’s bei uns viel zu oft nach den zottigen Yaks. Obwohl wir unsere, Scotties glühend lieben – natürlich wegen ihrer anderen Eigenschaften –, wurde meiner Frau die Yakwollausdünstung allmählich über, und deshalb wollte ich mich bei meinem Freunde einmal "geruchlich" beraten lassen.

Allerdings vergaß ich bei meinem Besuch zuerst mal meine Scotties; denn als ich das Labor betrat, fand ich meinen Bekannten unglaublich angeregt, und er sprühte mir sogleich eine geruchliche Neuentdeckung ins Gesicht. Dann fragte er mich mit von Stolz funkelnden Augen, wonach es röche. Ich schnüffelte erst mit allen olfaktorischen Sinnen die würzige Mischung und war eigentlich wenig beeindruckt. Ich hoffte sehr, ihn mit meiner Antwort nicht zu beleidigen, aber beim besten Willen konnte ich nur erklären, es röche nach Schmieröl, Garage und neuem Leder. Immerhin erfreute ihn dieser Bescheid. Nur fragte mein Freund, ob ich nicht auch frischen Lack in der Duftmischung verspüre.

Nun muß ich die Sache allerdings erst einmal erklären. Mein Freund ist Spezialist für industrielle Gerüche. So stellte er gerade eine Duftbastelei her, die eifrigst, von Autohändlern verlangt wird. Es handelte sich um ein Aroma, das von den Händlern in gebrauchten Wagen zerstäubt wird, damit sie nicht so alt riechen, sondern den Duft der Neuheit aushauchen.

Keineswegs, so erklärte mir mein stark beschäftigter Freund, werde in der Industrie die Macht des Duftes vergessen. Er zeigte auf seine brodelnden Retorten, die emsigen Laboranten, die ab und zu Proben auf ein Wattebäuschchen tropfen ließen und in kleine schwarze Kästchen taten. Dann lüfteten sie den Deckel vorsichtig und rochen an den Kostbarkeiten. Es handelte sich ausschließlich um industrielle Aufträge und nicht um Parfüms, die sich die Damen hinter die Ohren tupfen.

Die sinnbetörenden Produkte der Parfümlaboratorien hatten den Werbeleuten schon seit langem schlaflose Nächte bereitet. Sie sagten sich: Wenn ätherische Öle mit Ambra, Moschus, Civet und an deren unappetitlichen Drüsensäften zu unwiderstehlichen Offensivwaffen der Frauen gemixt werden können, müßten sich doch auch andere Marktmöglichkeiten ergeben? So in der Industrie überhaupt und als angenehme Verkaufsstimulanz. Da hatte zum Beispiel eine Leim- und Knochenmehlfabrik größte Schwierigkeiten, Personal anzuheuern: des Gestankes wegen. Außerdem kamen aus der Nachbarschaft ständig Klagen, wenn die Windrichtung ungünstig für die Anwohner war (wie etwa in Hamburg seit vielen Jahren, wo die "Eidelstedter Düfte" aus den Fischmehlfabriken Übelkeit, Kopfschmerz und Zorn bewirken). Seit die industriellen Geruchsspezialisten sich mit dem Problem, befaßt haben, strahlt die Fabrik jetzt das Aroma von feiner Schokolade in die Gegend. Außerdem ist jetzt das Personalproblem gelöst.

Herrenschuhgeschäfte verloren den etwas undefinierbaren Geruch von Schuhwichse, Leder und Socken, Dafür laden sie jetzt mit dem herben Duft russischer Juchten die Kunden ein. Das männliche Parfüm soll besonders zum Kauf anreizen. Auch Bäckereien, die nur Fabrikbrot verkaufen, benutzen als Riechreiz den im Laboratorium hergestellten Duft frisch gebackenen Bauernbrotes.