Von Milo Dor

Als ich von der Verleihung des Nobel-Preises für Literatur an Ivo Andrić erfuhr, war mein erster Gedanke: diesem Mann ist eine solche Ehrung von Herzen zu gönnen. Er hat nie zu denen gehört, die sich durch auffallende Lebensweise, durch polemische Skandale oder durch einen auf Bluff und Schock berechneten Stil in Szene setzen wollen. Andrić, der heute ein soignierter älterer Herr ist, der in seinem Auftreten die Laufbahn des Diplomaten, die hinter ihm liegt, nicht verleugnen kann, wirkt nicht nur äußerlich konservativ, sondern auf den ersten Blick auch in seinem Werk.

Erst im Gespräch mit ihm bemerkt man sein lebhaftes Interesse für alle neuen Strömungen in der Literatur, und ebenso erschließt sich der moderne Charakter’seiner in traditionsbewußtem Stil geschriebenen Bücher erst bei näherem Hinsehen. Selbst in Jugoslawien wurde Ivo Andrić wegen seiner Vorliebe für historische Stoffe und für das halborientalische Milieu seiner Heimat Bosnien als exotischer Märchenerzähler mit einem Sinn für tragische Konflikte klassifiziert. Erst die Literaturwissenschaftler der jüngeren Generation machten der jugoslawischen Öffentlichkeit die Größe des Epikers Andrić bewußt. Heute gilt Andrić in Jugoslawien als zeitgenössischer Klassiker.

Fragt man sich, was Andrić geprägt hat, so stößt man auf vielfältige und widersprüchliche Einflüsse. Andrić, der als Sohn eines Kaufmanns geboren wurde, absolvierte seine Studien an den österreichischen Universitäten Wien, Graz und Krakau. Zu gleicher Zeit verschrieb er sich nationalserbischen Traditionen. Zu Anfang des Ersten Weltkrieges wurde er als Angehöriger der Bewegung "Junges Bosnien", aus der auch die Attentäter von Sarajewo, Cabrinovic und Princip, hervorgegangen waren, von den Österreichern interniert. In der Gefangenschaft schrieb er eine Art lyrisches, Tagebuch, das nach dem Krieg unter dem Titel "Ex Ponto" erschien.

Schon in diesem Erstling läßt sich der dritte große Einfluß deutlich erkennen: die Welt des Orients, die gerade in seiner Heimat mit der mitteleuropäischen zusammenstieß. Ihr verdankt er den Sinn für die Distanz des Erzählers von seinem Gegenstand und das besondere Verhältnis zur Zeit, die einmal alles bedeutet und einmal nichts.

Die Geschichten, die Andrić zwischen den zwei Weltkriegen geschrieben hat, beginnen alle wie von ungefähr, so, als handele es sich nur darum, eine Anekdote zu erzählen, und führen unversehens mitten in ein besonderes Schicksal, dessen exemplarische Bedeutung unaufdringlich aber zwingend demonstriert wird. Die Technik, die Andrić dabei anwendet, ist die der Verfremdung, lange bevor dieser Begriff zu einem Schlagwort geworden ist. In der Geschichte "Mustafa Magyar" etwa, die während des türkisch-österreichischen Konflikts um Bosnien spielt, zeichnet er die Gestalt eines im Frieden entwurzelten Kriegshelden, der als Freischärler sein Glück sucht und von Zivilisten als Massenmörder erschlagen wird.

Mit dieser kraftvollen psychologischen Studie vom entlassenen Helden, die Andrić in einem bestimmten historischen Milieu angesiedelt hatte, traf er zugleich den Typ des Putschisten der zwanziger Jahre und den des unverwendbar gewordenen dekorierten Helden des Zweiten Weltkrieges.