Weder für nötig noch für möglich" halten es maßgebliche Vertreter des Verbandes deutscher Ärzte (Hartmannbund), daß die Krankenversicherungsreform in einem großen Schritt vollzogen wird. Ihre etappenweise Durchführung ("aber aus einer klaren Konzeption") war vielmehr der Tenor des Referates, daß der zweite Vorsitzende des Hartmannbundes (und frisch gewählte Bundestagsabgeordnete) Dr. Jungmann (CDU) auf der diesjährigen Hauptversammlung in Baden-Baden hielt. Wer sich der Kräfteverhältnisse im Bundestag einerseits und der finanziellen Situation der gesetzlichen Krankenversicherung andererseits bewußt ist, der muß zugeben, daß eine große Reform allerdings schwierig, wenn nicht unwahrscheinlich geworden ist, ein baldiges schrittweises Vorgehen dagegen naheliegt. Damit ist aber auch sicher, daß keine "klare Konzeption" die einzelnen Schritte bestimmen wird, sondern daß ein Durchwursteln droht, wobei mit viel materiellem Aufwand aber wenig Mut zu sachbezogenen und vielleicht unpopulären Maßnahmen ein Ausgleich der Interessen angestrebt werden wird. Hätte man daher von dem Hartmannbund seiner bisherigen Linie getreu erwarten sollen, daß er sich mit aller ihm (noch) verbliebenen Energie gegen eine solche Politik des die "Rosinen-aus-dem-Kuchen-Pickens" aussprechen würde, so wurde dem Zuhörer bald deutlich, daß eben auch hier das Interesse an den Rosinen, nämlich der Honorargestaltung, überwiegend ist.

Ein prominenter Sprecher der Ärzteschaft, Dr. Roos (Köln), hat mit der ihn auszeichnenden Offenheit ausgesprochen, warum die Ärzte den möglicherweise ersten Schritt der "Reform", nämlich die Befreiung der Krankenkassen von den so angestiegenen Krankengeldkosten, anstreben, "weil bei den gestiegenen Gesamtkosten, sonst keine Steigerung der Honorare mehr möglich ist"! So wird denn erkennbar, worin die gemeinsame und im negativen Sinn sogar "klare" Konzeption des "Schritt für Schritt" der Interessenten liegen wird: Abwälzung der Krankengeldkosten auf die Arbeitgeber, der bisher mitgetragenen Unfallkosten auf die Berufsgenossenschaften (also auch auf die Arbeitgeber), eines Teils der Krankenhauskosten auf die öffentliche Hand und ebenso weitere sogenannte "Fremdaufgaben" auf andere Leistungsträger. Wenn dann der Beitrag zur Krankenkasse, der sich mittlerweile den 9 vH des Lohnes nähert, wieder auf 6 vH heruntergedrückt sein wird, dann ist eine neue Basis für eine Einigung mit den Krankenkassen über die Honorare gegeben.

Aber eben Drang und Zwang, dieses System zu ändern, drohen verlorenzugehen, wenn man das Kranksein erst einmal optisch "billig" gemacht hat, obwohl es doch durch die Abwälzung der Lasten in Wirklichkeit nicht einen Deut billiger werden wird. Da die Liquidation der Kassenärztlichen Vereinigungen, dem Hort der in Baden-Baden erneut verächtlich apostrophierten "ärztlichen Straßenkämpfer" nicht möglich erscheint, ist damit auch die von einsichtigen Ärzten angestrebte Transparenz der ärztlichen Abrechnungen und ihrer Abrechnungsprüfungen nicht gewährleistet.

Hanns Meenzen