–ge, Bremen

Die Bremer mit ihrer sprichwörtlichen hanseatischen Reserviertheit, die selbst den Borgward-Skandal mit erstaunlicher Gelassenheit ertrugen, haben ein Thema, an dem sich ihre Leidenschaften entflammten: Das Projekt eines "Hauses der Bürgerschaft" am historischen Marktplatz.

Schon über zehn Jahre währt dieser Streit; die einen wollen den Marktplatz historisch getreu – und vor allem mit Giebeln – wieder aufbauen. Die anderen wollen eine neue, moderne Lösung. Nun hat Parlamentspräsident August Hagedorn (SPD) dieser Tage unmißverständlich seinen Entschluß kundgetan, das Gebäude an "Bremens guter Stube" trotz aller Proteste aus der Öffentlichkeit nach den Vorschlägen des Berliner Architekten Wassili Luckhardt bauen zu lassen. Prompt aber wartete die finanzkräftige "Lüder-von-Bentheim-Gesellschaft" mit dem Ergebnis einer demoskopischen Umfrage auf, derzufolge 84 Prozent der giebelfreudigen Weser-Hanseaten diesen modernen Entwurf ablehnen. Schon früher hatte die Gesellschaft selbst eine Meinungsumfrage angestellt, bei der das Ergebnis ähnlich ausgefallen war.

Von Anfang an hatten viele Bremer die Pläne für den Wiederaufbau der vom Krieg arg mitgenommenen Ostseite des Marktplatzes mit Mißtrauen verfolgt. In allen Phasen dieses zähen Ringens regte sich die nimmermüde, von berufenen und unberufenen Gruppen oder Grüppchen planmäßig organisierte Kritik. Ging es zunächst um die politische Frage, ob sich das Parlament des Stadtstaates in der heutigen Zeit überhaupt einen Millionen-Bau leisten dürfe – eine Frage, die man vielleicht plebiszitär entscheiden konnte –, so spitzte sich der Streit später immer mehr und mehr auf ästhetische Probleme zu, die sich – wie alles in der Kunst – nun ganz offensichtlich nicht so ohne weiteres demokratisch-mehrheitlich regeln lassen: Auf den Entscheid, ob die Ostseite des Marktplatzes mit einem großen Bauwerk – dem Haus der Bürgerschaft oder mit vier Einzelgebäuden bestückt werden sollte, deren Fronten mit geborgenen Originalfassaden früherer Jahrhunderte verkleidet werden sollten.

Hagedorn und die Mehrzahl der Fachleute entschieden sich für die "große" Lösung Wassili Luckhardts. Der preisgekrönte Architekt mußte freilich seinen im Mai 1959 vorgelegten, ursprünglich kompromißlos modernen Entwurf inzwischen zweimal abwandeln, was dem Gesamtkonzept nicht übermäßig gut bekommen ist. Die zahlenmäßig kleine, aber recht einflußreiche "Lüder-von-Bentheim-Gesellschaft", die sich nach dem Erbauer der herrlichen Renaissance-Fassade des Alten Rathauses benannt hat, gibt sich nicht geschlagen.

Was wird nun geschehen? Hagedorn ließ keinen Zweifel daran, daß nach Luckhardts Entwurf gebaut werden soll. Schon bald soll es, wenn alles gutgeht, zur Ausschreibung für das Luckhardt-Bauwerk kommen, für das 3,9 Millionen DM als erster Teilbetrag zur Verfügung stehen.

Die demoskopische Umfrage der "Lüder-von-Bentheim-Gesellschaft" kann also dem Archiv überantwortet werden. Und die Bremer werden sich vielleicht damit trösten können, daß es schon einmal in Bremen wegen eines Bauwerks am Marktplatz beträchtliche Unruhe gegeben hat – im 17. Jahrhundert nämlich, als Lüder von Bentheim im Auftrag des Rates der Stadt die heute in aller Welt gepriesene Rathaus-Fassade errichtete...