HAMBURG (Thalia -Theater): "Die Revision" von William Saroyan

Warum hat Saroyan einen "Krimi" dramatisiert? Als Roman stammt er von Henry Cecil. Im Bühnenstück wird einmal ein ethisches Motiv genannt: "Ein paar Narren glauben an Gerechtigkeit." Da ihr nicht nur das juristische Recht, sondern auch das "normale Gerichtsverfahren" entgegenstehe, ist der als Mörder verurteilte Geschäftsmann Lonsdale Walsh aus dem Zuchthaus ausgebrochen. Deshalb hat seine Tochter eine Gangsterbande engagiert, die alle Belastungszeugen unter fingierten Vorwänden in das Arbeitszimmer des Lordrichters Sir George zusammentreibt. Unter drohenden Revolvern wird dieser selbst zu einem privaten Wiederaufnahmeverfahren gezwungen. Ergebnis: Das Schwurgericht fällte ein Fehlurteil. Saroyan begnügte sich nicht mit der Entlarvung der juristischen Bürokratie. Zuletzt erliegt der armenische Amerikaner, der doch oft ein Dichter war, dem schnöden Bühnenreißer: Walsh ist nämlich doch schuldig.

Wenn eine staatliche Schauspielbühne so etwas als "deutsche Erstaufführung" serviert, dann müßte wenigstens umwerfendes Theater dabei herauskommen. Unter Franz Reicherts Gastregie stimmten aber nur wenige Figuren: Manfred Steffen zum Beispiel, der Gangsterboß, auch die Zeugen Charlotte Kramm und Rolf Nagel und seine unverwüstliche Nobilität Hans Paetsch, der Lordrichter.

HAMBURG (Kammerspiele):

"Achtzig im Schatten" von Clemens Dane

Der Stücktitel ist so wörtlich gemeint, wie das zunächst wohl kein Zuschauer annahm. Die geadelte Schauspielerin Carrel ist 80 Jahre alt und lebt im Schatten ihrer tyrannischen Tochter. Ohne deren Zustimmung darf sie im eigenen Hause keinen Schritt tun. Schließlich läßt sich "Dame Sophie" von ihrem Sohn nach Sizilien entführen, lebt in dessen Familie auf, muß aber wieder heim nach England, weil die Tochter "nicht allein sein kann". Ein Rollenstück also mit unterschwelliger Psychologie. In der "deutschsprachigen Erstaufführung" war Ida Ehre die Achtzigjährige. Zwar nicht ganz glaubhaft, doch bot sie eine achtbare Leistung des von Ida Ehre neuerdings gepflegten "Unterspielens" (sofern sie damit nicht Stücke deutscher Autoren mißverstehend umbringt, wie zuletzt Mattias Brauns "Perser" und die "Gesellschaft im Herbst" von Tankred Dorn). Dieses englische Stück ist tadellose Theaterkonfektion, Futter für Boulevardbühnen. Die fesselndste Rolle hatte Marlene Riphahn als Tochter. Bravourös, wie schmal sie ihre stimmlichen Möglichkeiten ansetzte und in der Verhaltenheit die Präsenz vulkanischer Energien spüren ließ. Edward Rothes Regie hatte ihren Höhepunkt in einem Gespräch der beiden Frauen im dritten Akt, das aus Pausen bestand, die vor Innenspannung zu bersten drohten. Rühmenswert die Dekorationen von Erich Grandeit. GÖTTINGEN (Deutsches Theater):

"Noah ist tot" von Daniel Christoff