A. d. F., Rom, im November

Italiens Kommunisten sind wieder einmal in arger Verlegenheit: Schon einmal, vor fünf Jahren, nach der brutalen Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes, stießen sie im eigenen Lande auf eine Mauer der Ablehnung. Jetzt aber, nach der Entstalinisierungs-Kampagne des XXII. Moskauer Parteitages und angesichts der Superbomben-Explosionen in der Arktis, sind sie in eine noch größere Klemme geraten.

Nenni, der Chef der italienischen Sozialisten, hat mit sicherem Instinkt seine Chance erkannt und ist dabei, seine Position in der radikalen Arbeiterbewegung auszubauen. Ob er großen Erfolg hat, muß bezweifelt werden. Es hat sich nämlich gezeigt, daß die von Togliatti umsichtig gesteuerte KPI ein beachtliches Regenerationstempo entwickelt hat. Die Druckperiode, in die sie jetzt geraten ist, dürfte – wenn die demokratischen Kräfte nicht doch noch initiativ werden – also kaum lange andauern. 1957 verloren die Kommunisten eine halbe Million Mitglieder. Es ist ihnen zwar bisher nicht gelungen, diesen Schwund aufzuholen – gegenwärtig ist der Stand gegenüber dem Vorjahr sogar um 64 000 auf 1 730 000 Mitglieder gesunken. Aber die Zahl der Wähler von Hammer und Sichel hat zugenommen: Anfang Oktober wurde der kommunistische Anhang bereits auf 25 Prozent der Gesamtstimmen geschätzt.

Unwahrscheinlich ist es auf jeden Fall, daß Togliatti der Entstalinisierung zum Opfer fällt. Der schlaue Italiener war zwar ein treuer Diener des sowjetischen Tyrannen, er verstand es aber auch, eine gewisse Selbständigkeit zu wahren. Schon zu Stalins Lebzeiten schlug er einen "weichen" Kurs in Italien ein und plädierte für einen "italienischen Weg zum Sozialismus". Die revolutionierenden Richtlinien des XX. sowjetischen KP-Kongresses bezeichnete er als eine entscheidende Wendung, auf seine Partei wandte er sie jedoch nur in gedämpfter Form an. Togliatti förderte die junge Garde in der Parteiführung, ging aber gegen die "alten Kämpfer" keineswegs hart vor. Bisher gibt es in dem roten Palais in der "Straße der dunklen Geschäfte", wo sich das römische Hauptquartier der KPI befindet, keine Anzeichen für eine Palastrevolution.