Friedliche Koexistenz zwischen Jägern und Gejagten

Von Wolfgang Leonhard

Der 22. Parteitag, der für die Sowjetunion und die Welt so viele Überraschungen brachte, hat auch zu interessanten Veränderungen in der sowjetischen Spitze geführt. Alle drei Gremien der sowjetischen Parteiführung – das Zentralkomitee, das Partei Präsidium und das ZK-Sekretariat – sind davon betroffen.

Am wenigsten wichtig ist dabei das Zentralkomitee, ein Organ, das zwar laut Statut eine überragende Rolle spielt, in Wirklichkeit aber mehr und mehr zu einem Hilfsinstrument der eigentlichen Spitzenführung degradiert worden ist. Während bisher diesem Gremium 133 Mitglieder und 122 Kandidaten angehörten, ist es jetzt auf 175 Mitglieder und 155 Kandidaten vergrößert worden. An künftigen ZK-Sitzungen werden somit statt 255 nunmehr 330 Parteifunktionäre teilnehmen, wobei vielfach auch noch die 65 Mitglieder der Zentralen Revisionskommission hinzugezogen werden. Damit aber hat das Zentralkomitee – von wenigen Ausnahmefällen abgesehen – auch die letzten Reste seines Einflusses auf politische Entscheidungen eingebüßt. Es ist endgültig zu einem Forum degradiert worden, auf dem die bereits vorher in höheren Parteigremien gefaßten Beschlüsse verkündet werden – wobei das einzige Privileg der ZK-Mitglieder nur noch darin besteht, daß sie sich zu einigen Detailfragen äußern dürfen.

Mehr denn je zuvor liegt die Macht nun im Parteipräsidium und im ZK-Sekretariat, jenen beiden Gremien, die über alle Fragen der sowjetischen Politik entscheiden.

Das Parteipräsidium ist jetzt von 14 auf 11 Mitglieder reduziert worden, Vier Sowjetführer – Aristow, Muchitdinow, Furzewa und Ignatow sind aus diesem Führungsgremium entfernt worden. Das Ausscheiden Awerkij Aristows, der bereits im Februar 1961 zum Botschafter in Warschau degradiert worden war, war überhaupt keine Überraschung. Daß sich auch Jekaterina Furzewa und Nuritdin Muchitdinow seit längerer Zeit politisch auf absteigender Bahn befanden, wurde an dieser Stelle (vgl. DIE ZEIT, 13. 10. 61) bereits vermerkt. Das -Ausscheiden Nikolaj Ignatows dürfte dagegen für viele Teilnehmer des 22. Parteitages überraschend gewesen sein. Vielleicht hängt die Degradierung Ignatows mit machtpolitischen Auseinandersetzungen zusammen, über die wir wohl erst später etwas Genaueres erfahren werden.

An Stelle der vier Ausgeschiedenen ist lediglich ein neues Mitglied in das Parteipräsidium aufgerückt: Gennadij Woronow ein früherer Gebietssekretär in Orenburg, der im Januar 1961, nach dem turbulenten Landwirtschafts-Plenum, zum Kandidaten des Parteipräsidiums avancierte. Da er unmittelbar danach stark in den Vordergrund gestellt wurde, war sein weiterer Aufstieg zum Vollmitglied bereits im Februar 1961 (vgl. DIE ZEIT, 24. 2. 61) vorauszusehen.