Zu Beginn dieser Woche gab es in den Börsensälen wieder so etwas wie Hausse-Stimmung! Diesmal ging sie nicht auf das Konto der Ausländer, die in letzter Zeit wieder vorsichtiger operieren, sondern vielmehr auf das der inländischen Spekulation und der beweglichen deutschen Kundschaft, deren Aktivität erwacht ist. Dabei zeigte sich deutlich, daß der Rendite-Gesichtspunkt bei den neuen Anlagedispositionen eine völlig untergeordnete Rolle spielt. Wer heute "in die Aktien geht", tut dies einzig und allein in der Hoffnung, möglichst schnell und möglichst große Kursgewinne kassieren zu können.

In dieser Beziehung traut man den marktgängigen Standardwerten nicht viel zu. Hier lassen sich die Kurse nur schwer beeinflussen. Um so beliebter sind die Aktien mit relativ engem Markt, zumal, wenn sie noch zu den "Modepapieren" gerechnet werden können. An der Spitze der Favoriten marschierte in der vergangenen Woche die NSU-Aktie, die um mehr als 400 Punkte anzog. Tatsache ist, daß die NSU-Werke die Früchte ihrer Wankel-Motor-Entwicklungsarbeit zu kassieren beginnen, indem sie mit führenden Industrieunternehmen Lizenzverträge abgeschlossen haben. Damit sehen die NSU-Optimisten ihre kühnsten Hoffnungen bestätigt. Selbst zu Spitzenkursen waren nur wenige bereit, sich von ihren Aktien zu trennen. Von NSU ausstrahlend kamen auch die übrigen Automobilwerte in den Genuß einer festeren Tendenz. Sogar die VW-Aktien! Allerdings waren die Käufe hier weniger spekulativ, denn angesichts der Marktbreite lassen sich bei den VW-Aktien rasche (nennenswerte) Kursgewinne schwer erzielen. Wenn dennoch auf VW-Aktien zurückgegriffen wurde, dann geschah dies aus der Überlegung heraus, daß diese Papiere von der allgemeinen Kurserholung der vergangenen Wochen nur wenig profitiert haben und deshalb wohl als "vernachlässigt" angesehen werden können.

Wenn man die flotten Käufe der inländischen Kundschaft beobachtet, drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Woher kommt das viele Geld? Ohne Zweifel stammt es zum Teil aus rechtzeitigen Realisationen, die vor der großen Baisse vorgenommen worden sind. Zum anderen Teil handelt es sich aber um aufgelaufene Sparbeträge, die in der Schwächeperiode nicht angelegt worden sind. Man wollte damals besseres Börsenwetter abwarten. Nicht zu übersehen aber ist auch der Umstand, daß viele Umsätze gewissen Tauschoperationen zuzuschreiben sind. Diese gehen einwandfrei zu Lasten des Montanmarktes, der trotz freundlicher Börsentendenz immer tiefer in den Keller geht. Die Tatsache, daß die Kurserholung völlig an den Kursen der Eisen- und Stahlwerke vorübergegangen ist, hat weitere Montan-Aktionäre veranlaßt, sich von ihren Papieren zu trennen, zwar meist unter Schmerzen und Verlusten. Aber die Verbitterung war stärker. In diesen: Zusammenhang verdient Erwähnung, daß man die Aktien der Deutschen Erdöl AG offenbar auch zu den wenig aussichtsreichen Papieren rechnet, denn sie haben sich ebenfalls von ihrem absoluten Tiefstand in diesem Jahr bislang wenig erholen können. Der Unifonds weist im übrigen in seinem Jahresbericht 1961/62 einen um nom. 100 000 DM ermäßigten Bestand an Dt. Erdöl AG aus.

Die Standardwerte des Chemie- und Elektromarktes, bislang eine Domäne ausländischer Interessenten, konnten sich gut behaupten. Bei ihnen hat sich die Aktivität deutscher Anleger belebt, denen die Kurse bei den Spezialwerten (Automobilaktien, Maschinenbauwerte und Warenhauspapiere) zu "heiß" geworden sind. Sie glauben, daß die Notierungen der IG-Farben-Nachfolger, AEG und Siemens "solider gewachsen" sind. Also hier die Gefahr eines Rückschlages weniger groß ist. Auch Bankaktien gehören noch zum Interessenbereich besonnener Anleger. Commerzbank-Aktien sind nunmehr ebenfalls von den Ausländern "entdeckt" worden, so daß sie einen Teil ihres Kursrückstandes aufholen konnten. Kurt Wendt