hwr, Neumarkt

Von den 197 Schulsälen, die im Regierungsbezirk Oberpfalz fehlen, kommen auf unseren Landkreis allein 53. Und in welchem Zustand viele der bestehenden Schulhäuser sind – nun, Sie sehen es sich am besten selber an", sagte mir Landrat Bauer im alten Pfalzgrafenschloß, dem Sitz der Kreisverwaltung von Neumarkt in der Oberpfalz. Wir fuhren nach Kastl, einer der Marktgemeinden im Kreis. Unser Wagen mußte sich zwischen umhertollende Kinder zum "Alten Schulhaus" durchschlängeln. Schulhof gibt es in Kastl keinen. Der Lehrer im "Alten Schulhaus" von Kastl beneidet seine Kollegen, die im Rathaus aus dem Jahre 1552 unterrichten. Dort ist es wenigstens nur muffig. Fünfzig Meter neben dem – nicht unterkellerten – "Alten Schulhaus" aber rattert ein Sägewerk.

Die Schulverhältnisse der Gemeinde Trautmannshofen riecht man vor allem. Vor mehr als hundert Jahren wurden dort unmittelbar ans Schulhaus die "Häusin" angebaut. Mädchen und Buben stehen vor den zwei wackligen Türen Schlange. Der Chlorgeruch vermag den Gestank kaum zu überdecken.

In Allersburg kommen wir gerade zur zweiten Pause zurecht. Während wir uns mit dem jungen Lehrer unterhalten, balgen sich die Buben. Im Knäuel rollen sie zwischen die Grabreihen, bis sie der Lehrer zurückruft. Die Schule befindet sich im Dorffriedhof, in einer baufälligen Friedhofskapelle, die früher als Leichenhaus diente.

Warum wird hier nichts getan? – Wie viele Gemeinden im Kreis Neumarkt kann Allersburg selbst nur wenig Geld aufbringen. Die Kleinbauern wirtschaften auf kargem, steinigem Grund und zahlen noch Tbc-Freimachung und Mechanisierung ab. Die 25 bis 35 Prozent Zuschuß des Bayerischen Staates, mit denen eine Gemeinde bis jetzt für Schulbauten rechnen konnte, reichen im Neumarkter Kreis oft nicht aus. "Hilft denn der Landkreis nicht mit Zuschüssen?" frage ich. Der Landrat zuckt mit den Achseln. "Wir haben über hundert Kilometer Kreisstraßen. Manche davon waren bis zum Ausbau in den letzten Jahren kaum mehr befahrbar. Dazu stehen wir unter den oberpfälzischen Landkreisen in der Steuerkraft an letzter, unter den bayerischen an 134. Stelle. Von der Stadt Neumarkt erhalten wir ja keine Kreisumlage, und in das Sanierungsprogramm des Bundes sind wir bis jetzt noch nicht aufgenommen, während Kreise in weit besserer Finanzlage längst gefördert werden."

Das 16 000-Einwohner-Städtchen Neumarkt ist seit Jahrhunderten Markt und Einkaufszentrum der bäuerlichen Umgebung, der Sitz von Behörden und heute auch von ansehnlichen Industrien. Der Stadtrat kann so über das Steueraufkommen Neumarkts nicht klagen und die dringenden Aufgaben der im Krieg fast völlig niedergebrannten Stadt bewältigen. Vor allem, weil vom Stadtsäckel kein Pfennig Kreisumlage an das Landratsamt abgeht. Wie etliche andere bayerische Kleinstädte ist Neumarkt nämlich kreisunmittelbar; sein Bürgermeister untersteht direkt der Bezirksregierung.

Für Kreise mit einer Finanzlage wie Neumarkt gibt es ein Sanierungsprogramm des Bundes. Die genauen Richtlinien, nach denen ein interministerieller Ausschuß in Bonn über die Aufnahme in dieses Programm entscheidet, sind unerfindlich. Weder Kreistag noch Landrat wissen genau, warum ihr Kreis nicht gefördert wird, in Kreise mit doppelter Steuerkraft aber umfangreiche Mittel fließen. Nur einen Grund konnten sie erfahren: Da Städte von der Größe Neumarkts nur ab und zu – und nur in Bayern – kreisunmittelbar sind, wird die Kreisunmittelbarkeit Neumarkts bei der Ermittlung der Steuerkraft des Kreises nicht berücksichtigt.

Die Statistiker rechnen die verhältnismäßig reiche Stadt und den armen Landkreis zusammen und kommen dadurch zu dem Ergebnis, es handle sich um kein sanierungsbedürftiges Gebiet. Damit, daß die Landbevölkerung durch ihre Käufe in Neumarkt die Steuerkraft der Stadt stärkt, die Stadt wegen ihrer Kreisunmittelbarkeit aber nichts an den Landkreis abzugeben braucht, haben sich Kreistag und Landrat abgefunden. Daß aber wegen dieser hohen Steuerkraft der Stadt und aus anderen – unerfindlichen – Gründen keine Sanierungshilfe in die Juradörfer um Neumarkt fließt, sieht man im Kreis Neumarkt mit etwas bitteren Gefühlen.