Der Konjunkturaufschwung in den USA bleibt hinter den Börsenerwartungen zurück

Von R. H. Schlesinger, New York

Wenn die allgemeine Entwicklung am New Yorker Aktienmarkt im Laufe der letzten Wochen eher eintönig verlief, ohne daß eine ausgesprochene Börsentendenz zum Durchbruch gelangen konnte, darf man rückblickend auf die letzten zwölf Monate die Feststellung wagen, daß in diesem Herbst eine der interessantesten Jahresentwicklungen der New Yorker Börsengeschichte seit langer Zeit zu Ende gegangen ist. Man darf sich erinnern, daß der Dow-Jones-Index der Industriewerte –, der trotz allen ihm anhaftenden Mängeln in den Wallstreetkreisen noch immer als der maßgebliche Index der Börsenwerte angesehen wird, am 5. Januar 1960 nach Beendigung des großen Stahlarbeiterstreiks den Rekordstand von 685,5 erreicht hatte. Bis zum 25. Oktober vorigen Jahres war er um nahezu 120 Punkte auf den Stand von 566 gesunken. Dieser starke Kursrückgang hatte sich zunächst, als noch keiner der führenden Konjunkturspezialisten eine nahe bevorstehende Wirtschaftsrezession ahnte, unter Voraussehung des konjunkturellen Rückschlages durch die Börse und später parallel mit der inzwischen eingetretenen Rezession vollzogen.

Aber noch erstaunlicher mag es erscheinen, daß ab Ende Oktober 1960 die New Yorker Börsenentwicklung bereits fünf Monate im voraus die Beendigung der Rezession und den wirtschaftlichen Wiederaufschwung prognostizierte. Denn tatsächlich zeigte sich die Erholung der Konjunktur erst gegen Ende März 1961. Gewiß, der Beginn des Wiederaufschwungs der Aktienkurse in den letzten Oktobertagen 1960 sagte auch den Wahlsieg Kennedys und der ausgabefreudigen Demokratischen Partei voraus – denn eine ausgabefreudige Regierungspolitik fördert inflatorische Tendenzen, und zum Schutz gegen solche Tendenzen ziehen sich die amerikanischen Anlegerkreise stets in hochwertige Aktien zurück. Aber am 26. Oktober vorigen Jahres setzte ein Kursaufschwung ein, der den Dow-Jones-Index der Industriewerte, nach den üblichen kurzen Atempausen, bis zum 7. September 1961 in einer fast beispiellosen Aufwärtsbewegung auf den derzeitigen Rekordstand von 726,53 steigen ließ. Mit anderen Worten: In weniger als zehneinhalb Monaten sprang der maßgebliche New Yorker Börsenindex um mehr als 160 Punkte hinauf! War dieser spektakuläre Aufschwung auch durch eine Reihe von Faktoren verursacht, deren erschöpfende Aufzählung über den Rahmen dieser Betrachtung, die nur die wesentlichen Tendenzen im Auge hat, hinausgehen würde, so prognostizierte die Haussebewegung der Blue Chips" in erster linie die Erholung und den fortgesetzten Aufschwung der amerikanischen Wirtschaftskonjunktur vom Wellental der letzten Rezession.

Außerplanmäßige Hausse

Zu den interessantesten Entwicklungen der letzten Zeit gehört die unterschiedliche Bewegung der Werte der Versorgungswirtschaft und, in allerdings geringerem Ausmaße, auch diejenige der Gruppe der Eisenbahnwerte. Während der Kursaufschwung der Industriewerte durchaus nicht gradlinig verlief, sondern häufig durch Atempausen und rückläufige Reaktionen unterbrochen war, zeigten die Public Utilities (Versorgungswerte) seit Ende Oktober 1960 bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine fast beispiellose, nahezu ununterbrochene aufwärts gerichtete Kurve. Noch weitaus charakteristischer wird der Unterschied der Kursbewegungen seit Anfang September dieses Jahres. Im Gegensatz zu den Industrieaktien, die sich seit diesem Zeitpunkt im Kreise zu drehen schienen und bei ihren Bewegungen überhaupt keine klare Tendenz zeigten, war bei den Werten der Versorgungswirtschaft bis zum Augenblick der Abfassung dieser Betrachtung die fortlaufende Kurssteigerung ganz ausgeprägt. Der Index der Public Utilities stieg von 91 Ende Oktober 1960 bis auf über 130 Ende Oktober 1961, und erreichte damit wieder den Rekordstand vom Jahre 1929 (vor dem großen Börsenkrach). Seit einem Jahr machte somit der Kursaufschwung der Versorgungswerte nahezu 45 vH aus, eine prozentuale Besserung, die bei weitem diejenige der Industriewerte übertrifft.

Diese Aufsehen erregende Aufwärtsbewegung der Public Utilities im Laufe des letzten Jahres erscheint deshalb so interessant, weil sie, verglichen mit bisherigen Börsenbewegungen, eine Sondererscheinung darstellt. In Perioden eines Konjunkturaufschwunges pflegen nämlich im allgemeinen die Industriewerte viel stärker gefragt zu sein, weil man in Anlegerkreisen naturgemäß erwartet, daß die Industrieunternehmungen in erster Linie von der im Aufschwung befindlichen Konjunktur Nutzen ziehen werden. Hingegen gehören versorgungswirtschaftliche Werte zu den sogenannten "Defensive Stocks", auf die sich zahlreiche Investoren gerade in Zeiten zurückzuziehen pflegen, in denen die Konjunktur rückläufig ist. Außerdem ist gegenwärtig die Rendite hochwertiger Versorgungswerte recht gering. In Wallstreetkreisen wurde sie kürzlich auf durchschnittlich nicht mehr als 2,9 vH errechnet. Dennoch erfreuen sich die Papiere der Versorgungswirtschaft in diesen Tagen weiterhin lebhafter Nachfrage. Vor wenigen Tagen erklärte der Vertreter einer großen New Yorker Börsenmaklerfirma, daß von 150 neuen Kaufaufträgen mehr als 100 Aufträge auf Käufe von Public Utilities entfallen. Der Hauptgrund für die starke Nachfrage nach diesen Aktien besteht darin, daß institutionelle Investoren, wie Investment Trusts, Mutual Funds und besonders Pensionsfonds in letzter Zeit umfangreiche flüssige Mittel in hochqualifizierten versorgungswirtschaftlichen Werten angelegt haben.