Man kann nur die Zähigkeit der Verteidiger bewundern, die angesichts dieses Gutachtens weitere Versuche unternahmen, ihren Mandanten zu retten. Nach einem Selbstmordversuch des Angeklagten wurde der Prozeß ausgesetzt; im zweiten Verfahren, revidierte Professor Wagner seine Äußerungen wesentlich – bei neuen Untersuchungen seien doch Rußpartikel in der Lunge gefunden worden, so daß nicht mit Sicherheit gesagt werden könne, daß die Frau schon vor dem Brand tot war. Und die Professoren Randerath und Mueller aus Heidelberg erklärten, daß große Mengen Rußteilchen in der Lunge mit Bestimmtheit festzustellen seien, und daß eine Fettembolie in der kurzen Zeit vor dem Brande nicht zum Tode geführt hätte...

Wer noch weiter in der Justizgeschichte zurückgehen will, findet in den Büchern von Sello, Katscher, Hellwig, Hirschberg und Mostar unzählige Fälle groben Versagens der Gutachter – von den nicht erkannten Geisteskrankheiten vieler Mörder über angebliche Vergiftungen, die in Wahrheit Unglücksfälle waren, über die falsche Beurteilung von Hieb-, Stich- und Schußverletzungen bis zu den berüchtigten Schriftexpertisen, die den unschuldigen Dreyfuß belasteten. Zuweilen möchte man glauben, es habe sich nichts geändert seit 100 oder 150 Jahren: immer wieder dieselben Fehler und Mißverständnisse ...

Aber das Wort von Holtzendorffs über die Gefahr des Justizirrtums gilt nicht nur für die Strafjustiz. Auch in den anderen Gerichtsbarkeiten passieren katastrophale Irrtümer, auch dort – besonders in der Zivil- und der Sozialgerichtsbarkeit – spielen oft (wirkliche und scheinbare) Sachverständige eine verhängnisvolle Rolle. Schwurgerichtsfälle sind – Gott sei Dank – nur ein winziger Teil dessen, was die Gerichte beschäftigt. Mordprozesse sind für den Unbeteiligten so fern und so interessant wie das Leben auf der Kinoleinwand – aber in einen Zivilprozeß, ein Sozialgerichtsverfahren oder vor den Verkehrsrichter kann man leicht geraten. Und in vielen Fällen entscheiden dabei Sachverständige über den Ausgang des Verfahrens und damit über Recht und Unrecht.

Wie dringend die Justiz auf die Hilfe der Naturwissenschaft angewiesen ist, zeigte sich besonders dann, wenn (zum Beispiel bei Vaterschafts- oder Erbschaftsprozessen) die Abstammung eines Menschen festgestellt werden muß. Der Nestor der deutschen Anthropologie, Professor Otto Reche, erzählt, wie hier die Zusammenarbeit begann:

"Als ich Ordinarius für Anthropologie und menschliche Erblehre in Wien war, besuchte mich im September 1925 der Landesgerichtsrat Anton Rolleder in meinem Institut und bat mich um Rat. ‚Ich habe oft Vaterschaftsprozesse zu entscheiden‘, sagte er, ‚Prozesse, in denen es um die Frage geht, von welchem Manne ein unehelich oder außerehelich geborenes Kind abstammt. Dabei ist das Gericht auf die Aussagen der Mütter und der beteiligten Männer angewiesen. Sie können sich denken, wie da gelogen wird! Die Mutter will einen Zahlvater für ihr Kind haben, und die Männer schwören Stein und Bein, nichts mit der Frau gehabt zu haben.

Was soll der Richter machen? Er beeidigt die Partei, die am glaubwürdigsten – oder besser: am wenigsten unglaubwürdig – erscheint und weiß doch genau, daß damit oft genug ein Meineid herbeigeführt wird und daß der Skrupellose siegt!’ Ob ich als Naturwissenschaftler keine Möglichkeit wisse, die Richter in dieser Gewissensnot zu entlasten? Ob man nicht aus der Tatsache der Familienähnlichkeit eine wissenschaftlich einwandfreie Methode entwickeln könne, die Verwandtschaft oder Nicht Verwandtschaft eines Kindes mit einem Manne festzustellen?"

Professor Reche konnte dem Landesgerichtsrat helfen. Aus den wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen über die Vererbung wichtiger Merkmale und Eigenschaften entwickelte Reche die Methode der anthropologisch-erbbiologischen Abstammungsgutachten. Sie ist heute aus der Prozeßpraxis nicht mehr wegzudenken. Diese Methode – seit 35 Jahren in und außerhalb Deutschlands erprobt – erlaubt es in sehr vielen Fällen, einen bestimmten Mann als Vater des Kindes mit Sicherheit oder großer Wahrscheinlichkeit nachzuweisen oder auszuschließen. Wenn besonders seltene Merkmale bei dem Kind und einem der Männer auftreten, ist das ein besonders überzeugender Beweis der Vaterschaft. Ein solcher von einem wirklich erfahrenen Fachmann geführter Beweis für oder gegen die Vaterschaft, läßt sich durch Zeugenaussagen kaum widerlegen; dagegen sind mit derartigen Gutachten schon viele Meineide nachgewiesen worden. In der Bundesrepublik werden jährlich etwa 2500 Gutachten nach dieser Methode angefertigt.