Die Direktion der Dortmunder Westfalenhalle hat als erster deutscher Veranstalter den Versuch gemacht, die Teilnehmer eines internationalen Radrennens vom Publikum bestimmen zu lassen. War das der Auftakt zur Machtergreifung des Zuschauers? Dr. Helmut Körnig, Direktor der Westfalenhalle, Walter Englert, privater Boxveranstalter, und Willi Pollmanns, Sportwart des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, haben als Vertreter der drei wichtigsten Veranstaltersysteme in Deutschland diese Frage beantwortet.

Statt städtischer Angestellter standen Männer in mausgrauen Uniformen der Wach- und Schließgesellschaft neben feierlichen Urnen, alles andere glich der Bundestagswahl-Atmosphäre. Der Wähler erhielt seinen Stimmzettel, er machte sein Kreuz, schritt zur Urne und warf das Urteil ein. Dann erst schieden sich die Absichten: Nicht über das Hoch oder Runter der Partei, sondern über Adolphe Verschuerens Start oder Nichtstart bei einem Steherrennen in der Westfalenhalle hatte der Wähler zu befinden. Die Beteiligung war nicht gerade überwältigend, das Ergebnis ein Verdikt: Verschueren darf in Dortmund nie mehr fahren, der Vorverkauf für dieses Rennen war dagegen überraschend gut.

Dr. Helmut Körnig, Silber- und Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Amsterdam und Los Angeles und heute Direktor der Westfalenhalle, interessierte sich für den flotten Vorverkauf weit mehr als für die Weigerung seines Publikums, dem Familienvater Verschueren jene Rüpeleien zu verzeihen, mit denen der belgische Altmeister den Dortmunder Neumeister Marsell im Weltmeisterschaftsfinale der Steher zur Verzweiflung gebracht hatte.

"Natürlich mußten wir klären", gesteht der Direktor, "ob Verschueren entgegen unserer spontanen Ablehnung auf deutschen Bahnen noch oder wieder fahren kann, vor allem aber wollten wir testen, ob eine Publikumsabstimmung den Absatz unserer Eintrittskarten beschleunigt." – Das Ergebnis des Dortmunder Versuchs beweist, daß diese Bindung sehr wohl besteht, weil das Mitbestimmungsrecht den Zuschauer ehrt und ein Radrennen zu "seiner" Veranstaltung werden läßt, bevor noch Plakate und Anzeigen darum werben. Eine Veranstaltersehnsucht scheint erfüllt.

Denn seit eh und je suchen diese geplagten Männer nach einer Möglichkeit, das Risiko der unergründlichen Volksmeinung im voraus auszuschalten. Dann wären sie nicht mehr Überraschungsmomenten ausgeliefert, wie sie zum Beispiel Dr. Körnig ertragen mußte, als 50 statt der 5000 erwarteten Zuschauer die Ränge der Westfalenhalle bei Jack Kramers Tennisschau besetzt hielten. Die Aktiengesellschaft Westfalenhalle überstand diese Rückschläge, der Stuttgarter Boxsportfreund Knörzer ließ sich von gleichem Mißerfolg jedoch in den Tod treiben. Und das Risiko klettert immer noch weiter, je öfter Rundfunk und Fernsehen den Wettkampf drahtlos ins Haus liefern.

Ist die Volksbefragung unter den Sportzuschauern also der rettende Ausweg, der dem Veranstalter Erfolg oder Pleite im voraus garantiert und ihn anspornt oder warnt? "Vielleicht", sagte Dr. Körnig. "Kaum", antwortet Boxsportmanager Walter Englert. "Nein und abermals nein", entscheidet sich Willi Pollmanns, der Sportwart des Deutschen Leichtathletikverbandes. Gemeinsam befürchten die drei Vertreter der drei wichtigsten deutschen Veranstaltersysteme (Gesellschaft, privat, Amateurverband), daß der schwächere unter zwei Wettkämpfern versucht, trotz mangelnder Muskelkraft dem Publikum besser zu gefallen.

"Sieger werden Kußhände ins Publikum feuern", vermutet Pollmanns, "Unterlegene werden künstliche Tränen weinen, um beliebt zu bleiben. Der Meister aber, der nicht photogen ist, rutscht auf dem glatten Parkett der Schöntuerei aus und muß seinen Rekord schließlich im häuslichen Garten verbessern, weil ihn des Volkes Liebling von der Aschenbahn verdrängt hat. Der Amateursportverband würde überflüssig, denn er will ja nicht Markstücke scheffeln, sondern nach streng sportlichen Gesetzen organisieren, auswählen, fördern und lenken."