Von Walter Gong

Bonn, im November

Buchstäblich bis zum letzten Augenblick wurden Minen gegen das Kabinett Adenauer gelegt. Wäre es nach dem Willen der Minenleger gegangen – so wäre die "Koalition des gegenseitigen Mißtrauens" schon in der Woche vor dem 7. November endgültig auseinandergefallen und Ludwig Erhard hätte, von einer imponierenden Mehrheit der CDU und FDP getragen und sogar mit Unterstützung der SPD, das Ziel erreicht, dem er zwar zuzustreben bereit war, für das er jedoch nicht gekämpft hat.

Die Geheimchronik dieser Regierungsbildung straft die Behauptung Lügen, daß die neue Regierung aus dem Willen des Volkes oder auch nur aus dem einmütigen Willen der an ihr Beteiligten parlamentarischen Kräfte hervorgegangen sei. Nun, diese Regierung ist aus einer Kombination von Mißtrauen und Machtwillen geboren worden.

Den Kern des Mißtrauens erblickten Eingeweihte schon in einem "Geheimabkommen", das angeblich zwischen Erich Mende und dem Düsseldorfer Warenhausbesitzer Horten abgeschlossen worden ist und das offenbar die Basis für Mendes "niemals mit Adenauer!" nach dem 17. September abgegeben haben soll. Da wir noch immer kein Gesetz haben, das die Bloßlegung der Finanzquellen für einen Wahlkampf erzwingt, wird sich auch niemals – es sei denn vor Gericht – exakt nachprüfen lassen, wieweit es stimmt, daß Horten erhebliche Zuwendungen an die FDP geleistet und daran die Bedingung geknüpft habe, Mende müsse eine Regierungsbildung unter Adenauer unter allen Umständen verhindern.

Ebenso wenig ließe sich mit Beweiskraft ergründen, ob die Behauptung stimmt, Franz Josef Strauß habe beim Abkommen Horten–Mende Pate gestanden – in der Hoffnung, ein Kabinett Erhard zuwege zu bringen. (Doch habe er dann, als die CDU/CSU mit unerwarteter Einmütigkeit den Altkanzler erneut auf den Schild hob, dieses Manöver gleich abgeblasen.) Der Wahrheitsinhalt dieser Behauptungen – es gibt Leute, die sogar von einem schriftlichen Text dieser Abmachungen zu wissen glauben – ist aber nicht einmal so wichtig; wichtig ist, daß solche Behauptungen in der Atmosphäre dieser Regierungsbildung aufkommen konnten und glaubwürdig erschienen.

Die FDP hätte den Koalitionspakt mit dem ungeliebten Adenauer rasch und endgültig begraben, wenn ihr nicht vor der letzten Fraktionssitzung der CDU/CSU gesagt worden wäre, die bisherige absolute Regierungspartei akzeptiere den von Adenauer nach jenem famosen 20. Oktober als "dat FDP-Papier" abgewerteten Koalitionsvertrag ohne irgendwelche Zusätze, ohne Präambel oder im Laufe der Verhandlungen gewechselte Schriftstücke. "Was sollten wir in dieser Situation machen?", sagte ein ausgesprochener FDP-Rebell, der gern zugibt, daß seine Gesinnungsgenossen in der von Erich Mende geführten Partei harte Forderungen nur deshalb gestellt und formuliert hatten, um sie für die CDU – lies: Adenauer – unannehmbar zu machen. "Wenn die CDU diesen Brocken schluckt und somit vor uns kapituliert, können wir ja nicht noch weiter gegen das Abkommen sein..."