Helsinki, im November

Die schnellen blauen Straßenbahnen, die an der weißen Uspenskij-Kathedrale vorbei über die Pier des Osthafens von Helsinki rollen, tragen blauweißen und schwarz-rot-goldenen Flaggenschmuck; nicht zu übersehen darin, wenn auch etwas verwaschen und grau, das Emblem der Sowjetzone. Eine Demonstration – wofür? Der Schaffner schüttelt den Kopf: "Wir machen nie Demonstrationen", sagte er stockend, um korrektes Deutsch bemüht, "das ist nur bezahlte Reklame für irgendeine Ausstellung der Ostdeutschen."

"Aber der Osten ist doch ein guter Geschäftspartner für Finnland ..."

"Ja, sicher", geht er auf meinen Einwand ein. "Sehen Sie in ein Autogeschäft; da stehen all die ostdeutschen ‚Wartburgs‘. Sie können sie sofort und sogar auf Raten kaufen. Und nun sehen Sie auf die Straße: Da rollen all die westdeutschen Volkswagen‘..." Und die sowjetzonale Ausstellung, die der Schaffner erwähnte, hatte in vierzehn Tagen 16 000 Besucher angelockt. Die Finnen erinnern sich noch gut daran, daß eine ähnliche Ausstellung der Vereinigten Staaten im Juli allein am ersten Tag von 40 000 Menschen besucht wurde.

Wie erstaunlich offenherzig – für finnische Verhältnisse – mir der Schaffner geantwortet, hat, wird mir erst drei Tage später auf einem Empfang in der westdeutschen Handelsvertretung klar, zwei Tage nach der sowjetischen Finnland-Note. Generalkonsul Heinrich Böx, der oberste Vertreter der Bundesrepublik in Finnland, erläuterte die Situation so: "Die Finnen sind äußerst zurückhaltend mit ihren Meinungsäußerungen über Ost oder West. Sehen Sie auch die Zeitungen der letzten Tage an: In den Leitartikeln spielen Kindergärten und Lohnfragen eine Rolle, nicht aber die Note. Man könnte, was die hiesige Ostpolitik betrifft, von einer Art freiwilliger Selbstkontrolle der öffentlichen Meinung sprechen. Die Lage war noch nie so ernst..."

Spät abends in einer Halle meines Hotels zitiert ein finnischer Journalist das alte schwedische Sprichwort: "In Finnland geht es nie so schlimm zu Ende, wie es anfangs aussah."

"Aber", frage ich, "man muß doch offen über die Sowjetpolitik diskutieren können!"