Fast aller Zucker, den man produziert, wird aufgegessen – eine Erkenntnis, die ebenso alt wie allgemein ist. Was sollte man schließlich sonst damit tun? Aber gerade diese Tatsache wird vom Institut für Tropische Produkte in London tief beklagt. Es wird eben nur fast aller Zucker aufgegessen. Man befürchtet, daß die Zuckerindustrie schweren Zeiten entgegengeht. Und weil man jahrhundertelang in dem Vorurteil befangen war, der Zucker sei zum Süßen da, allenfalls noch zur Gewinnung von Alkohol, habe man sich viel zuwenig Gedanken darüber gemacht, zu was der Zucker wohl noch gut sei.

Neidvoll blicken die Londoner Zuckerfachleute auf die Erfolge ihrer Kollegen von der Erdöl- und Kohlenchemie: Unzählige Produkte seien aus diesen Rohstoffen für Industrie und Haushalt entwickelt worden. Der Zucker aber führe ein Aschenbrödeldasein als schlichtes Nahrungsmittel.

Freilich nicht mehr lange, wenn sich die Hoffnungen der Londoner Wissenschaftler erfüllen. In London nämlich versucht man, durch Veresterung mit Fettsäuren oberflächenaktive Lösungen herzustellen – auf gut deutsch, man will aus Zucker Waschmittel machen. Und das sei, so wird versichert, nur der Anfang des Siegeszuges der Zuckerchemie.

Bis jetzt freilich sind die Erfolge des Instituts noch mager. Die Zuckerester erwiesen sich zwar als oberflächenaktiv, aber sie lösen sich im Wasser nicht schnell genug auf – eine Erfahrung, die jeder Grog-Trinker wohl unterschreiben wird. Die Londoner Wissenschaftler aber sind zuversichtlich, und sie glauben, daß die aus Zucker gewonnenen Waschmittel, wenn sie erst einmal genügend wasserlöslich sind – erstaunliche Vorteile gegenüber den Erdölderivaten haben. Ganz abgesehen, daß die Wirtschaft der Zuckerländer davon profitieren würde. Diese Detergentien würden im Abwasser biologisch abgebaut und schäumten auch nicht. Außerdem wären sie nicht nur ganz und gar unschädlich, sondern sogar eßbar.

Welche Aussichten! Endlich wird man den lieben Kleinen das Waschen schmackhaft machen können. Die Kulturpessimisten allerdings müssen erwarten, daß wieder ein Stück Romantik aus dem modernen Leben verschwindet; denn jener Liebhaber, der einst aus tiefer Seelenqual seufzte "Laß mich dein Badewasser schlürfen", wird nirgendwo mehr Aufsehen erregen. -l