Von Edmund Wolf

Ich gestehe, daß mir die Geschichte vom Leben und frühen Tod des Lauro de Bosis bis vor kurzem unbekannt war; und ich nehme an, daß ich mich da in zahlreicher Gesellschaft befinde. Und doch ist es eine Geschichte, die jeden dringend ansprechen muß, der sie hört. Sein Todesflug über Rom liegt jetzt gerade dreißig Jahre zurück.

In einem Versdrama über den Tod des Ikarus, das in Amsterdam preisgekrönt wurde, gestaltete de Bosis die Tragik, die aus der Verflechtung des Kults der Macht mit dem Kult der Wissenschaft entspringt. Daedalus, dem Fortschritt der Wissenschaft verschworen, schenkt dem Tyrannen Minos das neue Schwert aus Eisen, und er hätte ihm auch die Flügel zur Eroberung der Lüfte gegeben, wenn nicht sein Sohn Ikarus, der Dichter, diese Flügel durch seinen tödlichen Sonnenflug der Macht des Tyrannen entzogen hätte. Aber der Tod des Dichters ist nicht umsonst. Die Menschheit wird erleben, wie die Träume des Dichters morgen zur Wirklichkeit werden, eine reale Macht auf Erden.

Sicherlich erlebte die Menschheit bald darauf, wie der Dichter selbst seinen Traum zur Wirklichkeit machte. Lauro de Bosis paßte nämlich der Faschismus nicht; und es schien ihm, daß man nicht tatenlos bleiben dürfe. Er gründete eine geheime Verbindung, die Alleanza Nazionale, die den Widerstand durch Kettenbriefe propagierte. Er war gerade im Ausland, als Mussolinis Polizei zupackte und die Organisation zusammenbrach.

Der Physiker Lauro de Bosis, der in Harvard und an anderen amerikanischen Universitäten doziert hatte, der junge Dichter, der sich bereits einen beträchtlichen Namen gemacht hatte, lebte nun in Paris als Portier in einem Hotel – und bereitete sich auf seinen eigenen Sonnenflug vor. Er studierte Flugtechnik, und er schrieb ein Büchlein, das er "Die Geschichte meines Todes" nannte; darin sprach er seinen Glauben an die Jugend aus, die nur zur Aktion geweckt werden müsse, und sein Bekenntnis zu einer humanen und freien Ordnung. "Es ist notwendig zu sterben", schrieb er da, "ich hoffe, daß mir viele andere nachfolgen und daß sie die öffentliche Meinung wachrütteln werden."

Mit geborgtem Geld kaufte er eine alte Maschine, und nach flüchtiger Ausbildung stieg er am 3. Oktober 1931 auf; an Bord hatte er 400 000 Flugblätter. Der einsame Flieger erschien an dem klaren Herbstabend über Rom, kreiste über den Dächern im Gestöber seiner Flugblätter. Dann nahm er Kurs nach Westen – und verschwand für immer. Ein Opfer der alten Maschine oder seiner eigenen mangelhaften Ausbildung.

Das Erschütternde ist, daß vor so kurzem erst, vor nur dreißig Jahren, ein junger Mann schreiben konnte: "Es ist notwendig zu sterben"; daß er in allem heiligen Ernst glauben konnte, daß sein Opfer eine bessere Zukunft bringen werde. Und das war kein Psychopath, sondern ein geistig bedeutender Mensch. Erst dreißig Jahre ist es her, daß die Dinge so simpel waren (und wie kompliziert schienen sie uns!), der Feind so unverkennbar, die bessere Zukunft so greifbar, der Kampf so heroisch. Und wir? Und heute? Was gilt ein Heldentod, wo das Pilzgespenst des Massensterbens stündlich an die Himmelswand gemalt wird?