Von Paul Sethe

Es gibt viele historische Werke, die unsere Kenntnis nur bereichern und die wir deshalb dankbar aus der Hand legen. Es gibt auch andere, aber wenige, die uns erschüttern, ja umwerfen. Sie treffen den Kern von Vorstellungen, die uns teuer gewesen sind. Zu ihnen gehört, soweit die erste Lektüre ein Urteil erlaubt, das neue Buch des Hamburger Historikers Fritz Fischer: „Griff nach der Weltmacht“ (Droste Verlag Düsseldorf, gebunden 34,80 Mark. 896 Seiten).

Das Buch wird Gegenstand eines lebhaften Meinungsstreites werden. Die Spezialisten für die Geschichte des Ersten Weltkrieges und für die Kriegsschuldfrage werden das Wort ergreifen. Sie werden sprechen müssen, weil die Fachwelt und die Öffentlichkeit es von ihnen erwarten, aber sie werden es auch deshalb tun, weil das Buch sie so leidenschaftlich beschäftigen wird wie uns. Erst wenn der Streit zu Ende ist, wird die Stellung dieses bedeutenden Werkes klar abgegrenzt werden können, daß auf langjährigen Archivstudien beruht.

Das Buch könnte auch den Titel tragen: „Es war alles ganz anders“. Neu erscheint schon in den ersten Kapiteln das Bild, das Fischer von dem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zeichnet. Wir haben ihn bisher gesehen als den „Philosophen von Hohenfinow“, einen Mann von redlichem Willen und gesunden Einsichten, aber gehemmt durch die Schwäche seiner Stellung, eingeklemmt zwischen einem schwankenden Kaiser und rücksichtslosen Militärs, selber nicht kraftvoll genug, die Generale und Admirale in ihre Schranken zu weisen.

Bei Fischer tritt uns ein anderer Kanzler entgegen, ein Politiker mit starkem nationalpolitischem Machtwillen, in seinen Absichten den Generalen ganz nahe, nur in der Methode von ihnen unterschieden. Er liebte die Verschleierungen, die vieldeutigen Worte; aber was er „reale Garantien“, Bürgschaften gegen einen neuen Überfall, Beseitigung der feindlichen Einfallstore nannte, war den Zielen de. Generale zum Verzweifeln ähnlich. Höchstens war er eher bereit als sie, Abstriche an seinem Programm zu vollziehen, wenn die militärische Lage ungünstiger wurde. Im ganzen aber bleibt die Folgerichtigkeit der deutschen Kriegsziele ungebrochen. Auch Bethmann Hollweg wollte die deutsche Vorherrschaft in Europa.

Indem Fischer Bethmann Hollweg als Machtpolitiker begreift, nimmt er notwendigerweise auch dem Bilde der Julikrise von 1914 die vertrauten Farben. Er zeichnet einen Politiker an der Spitze des Reiches, der machiavellistische Züge trägt. Keine Anklage war bisher häufiger gegen Bethmann erhoben worden als die, daß er sich im Juli 1914 von dem großen Vorbild Bismarck entfernt habe, daß er sich das „Leitseil“ von Österreich habe um den Hals werfen lassen, daß er so das Reich fahrlässig in einen Kampf auf Leben und Tod habe hineingleiten lassen. Der Kanzler dieses Buches aber war nicht der Geführte und Verführte, sondern die treibende Kraft. Mit Erschrecken ruht das Auge des Lesers auf dem Satz, den der verbitterte österreichische Außenminister Freiherr von Burian 1917 seinen deutschen Gesprächspartnern entgegenschleuderte: „Deutschland hat die strenge Form des Ultimatums Österreichs an Serbien gefordert.“

Gewiß wollte, das sagt auch Fischer, Bethmann den serbischen Konflikt „lokalisieren“; aber die Gelassenheit, mit der er der möglichen Auseinandersetzung mit Rußland und Frankreich entgegensah, wirkt größer und verhängnisvoller als bisher. Plötzlich erscheinen auch seine berühmten, allzu späten Mahnungen an Österreich zur Mäßigung in Zwielicht getaucht. War nicht bei ihnen der Wunsch maßgebend, vor der Welt und dem Reichstag mit der starken Sozialdemokratie müsse unbedingt Rußland als der Angreifer erscheinen? Die englischen Vermittlungsvorschläge wurden verspätet und mit wesentlichen Kürzungen nach Wien weitergegeben. Sobald sich wieder die trügerische Aussicht auf die Neutralität zeigte, ließ sofort der Druck der Berliner Regierung auf Österreich nach.