R. Z., Hamburg, im November

Es gibt eine alte Regel, daß nach jeder Wahl jede Partei Gründe findet, um sich als Sieger zu fühlen. Für die Hamburger Bürgerschaftswahlen galt diese Regel nicht. Und es lag wohl nicht allein daran, daß den honorigen Hamburgern solche Rechnungen nicht ganz geheuer erscheinen – das Wahlergebnis war zu eindeutig.

Die Sozialdemokraten sind aus der Abstimmung als einzige und überlegene Sieger hervorgegangen: 57,4 Prozent der Stimmen und 72 von 120 Sitzen in der Bürgerschaft hat die SPD erobert. Es gelang ihr sogar, trotz einer ungewöhnlich niedrigen Wahlbeteiligung (72,3 Prozent) ihre absolute Stimmenzahl gegenüber der Bundestagswahl (Wahlbeteiligung 88,6 Prozent) noch zu steigern.

Die CDU mußte sich mit 29,1 Prozent der Stimmen und 36 Sitzen begnügen. In Hamburg heißt es nun spöttisch, die Partei habe die "absolute Minderheit" erreicht. Die FDP steigerte sich zwar gegenüber der letzten Bürgerschaftswahl von 8,6 auf 9,6 Prozent und 12 (früher 10) Sitze, aber gemessen an der Bundestagswahl (15,7 Prozent und fast 100 000 Stimmen mehr) hat sie einen tiefen Fall getan.

Kein Wunder, daß Bürgermeister Engelhard (FDP) erklärte: "Wenn ich denke, welchen Anteil die FDP an den Leistungen hat, kann mich das Wahlergebnis nicht ganz befriedigen." Verständlich auch, daß CDU-Oppositionsführer Dr. Sieveking äußerte: "Ich meine, die CDU hätte auf Grund ihrer guten Leistungen ein etwas besseres Ergebnis verdient

Beide waren sich einig, daß der Grund für das schlechte Abschneiden nicht allein in Hamburg zu suchen sei. Engelhard sagte resigniert: "Die Bonner Ereignisse sind uns angelastet worden." Daß es gerade die Hamburger FDP war, die sich besonders hartnäckig einer Bonner Koalition mit Adenauer widersetzte, und daß die Hamburger CDU sich noch am ehesten gegen Konrad Adenauer vorgewagt hatte, macht den Mißerfolg nur noch bitterer: Die Freien Demokraten und die Christlichen Demokraten der Hansestadt müssen eine Suppe auslöffeln, die sie sich nicht selber eingebrockt haben.

Erich Mende meinte zwar: "Ob für den Rückgang des Stimmenanteils der Freien Demokraten die Verärgerung über die langwierigen Koalitionsverhandlungen in Bonn oder das Zusammengehen der Hamburger FDP mit einer absoluten SPD-Mehrheit ausschlaggebend war, läßt sich nicht beweisen." Abgesehen davon, daß Mendes Hamburger Parteifreunde da anderer Ansicht sind, gibt es einen entscheidenden Einwand gegen seine These: Der Wahlkampf in Hamburg spielte sich – sieht man von den Plakaten ab – fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. Es gab nur eine einzige große Wahlveranstaltung, und deren Hauptakteur war Erich Mende. Daß er und seine Partei so hart attackiert wurden, lag ganz gewiß nicht an der Hamburger Kommunalpolitik.