Falls wir es vergessen sollten über dem Ärger, den uns die Lieferfrist des neuen Wagens und der Schreibkrieg um das Hotelzimmer in St. Mcritz bereiten: Es gibt noch Schlimmeres! – Damit dieses Schlimmere nicht versehentlich unserem Gedächtnis entfalle, sagt Chruschtschow mit frommem Seufzer: "Gebe Gott, daß wir diese Superbombe niemals gebrauchen müssen!" Oder während wir am Knopf des Autoradios nach leichter Musik suchen, weil uns die Stauung auf der Autobahn erbost, wird uns beiläufig mitgeteilt: Amerikanische Experten seien nun doch der Meinung, daß ein Atomkrieg nicht unbedingt das Ende der Menschheit bedeuten müsse. Einige schätzen, laß bei richtiger Verhaltensweise 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung mit einem blauen Auge davonkämen. Es gibt aber auch Optimisten, die hofen, mehr als die Hälfte begnadigen zu können.

Während wir also auf Grund solcher Kunde dem Gedanken nachhängen, ob der Krieg nicht doch wieder "gesellschaftsfähig" werde als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", erfahren wir, daß die britische Regierung der Herstellung von Abschreckungswaffen den Vorrang vor dem zivilen Luftschutz gibt. Staatsminister Renton sagte vor Unternehmern: Die britische Regierung sehe sich finanziell nicht in der Lage, ein Netz unterirdischer Schutzbunker im ganzen Lande zu bauen und gleichzeitig die militärische Verteidigungsbereitschaft auf dem modernsten Stand zu halten.

Noch ist man als schlichter Bürger beschäftigt, diese vielleicht einleuchtende, aber nicht geride erfreuliche Nachricht zu begreifen: da entdeckt man möglicherweise im Briefkasten eine Broschüre, die das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz im Auftrage des Bundesinnenministeriums herausgegeben und mit schonungsvollem Takt zwischen die Morgenpost gemischt hat. Ihr Titel lautet: "Jeder hat eine Chance!"

Wer will schon eine Chance verpassen? Schlägt man das Heft neugierig auf, so liest man: "Diese Schrift gibt Hinweise, wie Sie sich in Familie, Haus und Betrieb schützen können. Lesen Sie sorgfältig. Im Ernstfall ist es zu spät!" – Und dann erfahren wir von dem Zeichner Tsutomo Yamaguchi, der in Hiroshima – knapp zwei Kilometer vom Detonationspunkt entfernt – die Explosion der A-Bombe überlebte, weil er instinktiv die Hände vor das Gesicht schlug und die Daumen in die Ohren steckte, – Damit nicht genug! Als er in Nagasaki seinen Kollegen von dem Schreckenserlebnis berichtete, platzte – in noch näherem Abstand – die zweite Bombe. Und da die Zuhörer den guten Rat des Herrn Yamaguchi beherzigten und unter die Tische schlüpften, kamen sie verhältnismäßig glimpflich davon.

Diese "Daumenmethode" mag als Notbehelf angehen. Aufs Ganze betrachtet, ist sie wenig vertrauenerweckend. Auch wenn man nicht zu jenen Übervorsichtigen zählt, die nach jedem verspeisten Seefisch ihren Bauch auf Radioaktivität hin abhorchen. – Die erwähnte Schrift läßt es daher auch nicht bei solchen Faustregeln bewenden. Im Ernstfall wird, wenn die Zeit langt, durch den Rundfunk der ABC-Alarm ausgelöst. (Die Buchstabenabkürzung hat hier eine Bewandtnis, die nichts mit fröhlichen Kindheitserinnerungen zu tun hat. ABC heißt: atomare, biologische oder chemische Gefahr!) Falls kein ausgebauter Bunker in greifbarer Nähe ist, ziehe man sich in einen Keller oder einen Deckungsgraben zurück. Zur Not tut es auch ein befestigtes Schrägdach. Man achte darauf, daß der Keller einen Notausgang besitzt und nach Möglichkeit mit einem Wassertank, staubdicht verpackter Verpflegung, einem "Erste-Hilfe-Kasten" und einem Notabort ausgerüstet ist. – Sollte uns der Angriff im Freien überraschen, so empfiehlt es sich, die nächste Vertiefung aufzusuchen und sich die Aktentasche auf den Kopf zu legen. Nach der Detonation warte man, bis Hitzestrahlung und Luftdruck nachlassen. Dann suche man den nächsten Keller auf. Jedenfalls vermeide man jeden kopflosen Fluchtversuch. Zu Hause ist es immer noch am sichersten.

Dies sind zweifellos nützliche Ratschläge. Und es liegt nicht an der wohlgemeinten Schrift: Es liegt an. unserer allgemeinen Lage, daß das Ganze doch etwas von einer "tragischen Farce" an sich hat. just Dürrenmatt hat ja bekannt: "Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe. Wie ja die apokalyptischen Bilder des Hieronymus Bosch auch grotesk sind. Doch das Groteske ist nur ein sinnlicher Ausdruck, ein sinnliches Paradox: die Gestalt nämlich einer Ungestalt, das Gesicht einer gesichtslosen Welt!" – Und so bleibt zum Schluß die bittere Betrachtung: Wer bewahrt den Menschen vor dem Menschen? Wer bewahrt den Menschen vor sich selbst?