Von René Drommert

Als in diesem Monat das weltberühmte und für uns beinahe legendär wirkende International Ballet of the Marquis de Cuevas" in Kurt Colliens Hamburger Operettenhaus gastierte, drängten sich Fragen auf: Welchen Stil repräsentiert diese aus Frankreich kommende Truppe? Wie steht es mit ihrer Internationalität? Wie stark ist neben dem französischen, englischen oder amerikanischen Element auch das russische?

Es drängte sich auch die Überlegung auf, ob zwischen Stil und Nationalität ein innerer Zusamschlafenden Wald) nennt, hatte Robert Helpmann nach Marius Petipa erarbeitet, jenem Südfranzosen, der schon 1847 nach Petersburg kam und dort für einen glänzenden Aufstieg des Balletts verantwortlich war. 1890 brachte er für den Hof des Zaren Alexander III. die Uraufführung "Dornröschen" heraus, von deren Choreographien das Ballett des Marquis also heute noch zehrt.

Es gab an diesem Hamburger Abend, ebenso wie bei der "Soirée de Ballet", eine ganze Reihe exzellenter tänzerischer Leistungen: von Yvette Chauvire, Marilyn Jones, Daphne Dale, Genia Melikowa, Serge Golovine, Rudolf Nurejew, Claudine Kamoun, Jean-Marie Sosso, Olga Adabache, Georges Goviloff, Jimmy Urbain (ich glaube, daß man von der jungen Australierin Marilyn Jones künftig mehr hören wird). Es gab hinreißende Schwebesprünge, Attitüden, Arabesken, blitzschnelle Rotationen und verblüffende Entrechats. Alles schien erfüllt von jener Motorik, die mehr als nur Technik ist. Und es gab dennoch keine überragende Kunstleistung "aufs ganze gesehen".

Das Ganze wirkte oft abgestanden. Nimmt man zum Beispiel beim Dornröschen zu den tänzerischen Leistungen noch die Ausstattung (die über eine Million D-Mark gekostet haben soll), nimmt man insbesondere die Bühnenbilder mit ihrem "barockisierenden Jugendstil" (wie Rudolf Maack es nannte) hinzu, so bewegt sich dieses "Fest der Schönheit" oft genug an den Grenzen der Süßlichkeit, ja des Kitsches. So ungefähr stelle ich mir ein restauriertes 19. Jahrhundert vor: Tradition, um die es sich beim Ballett ja immer handelt, gleitet in Konvention ab. Eine verwandte Traditionsgebundenheit haben wir vor ein paar Jahren kennengelernt, als bei uns das Ballett des Moskauer "Bolschoi teatr" gastierte. Auch die russische Truppe verwendet Choreographien von Petipa (zum Beispiel im "Schwanensee"). Aber dort läuft der Tanz weniger Gefahr, unverbindliche Zelebration des Überkommenen zu sein, dort werden die Formen mit mehr fanatischem Glauben ans Leben aufgefüllt.

Immerhin ähneln sich die Truppen. Sie ähneln sich so sehr, daß Rudolf Nurejew, ein im bolschewistischen Rußland ausgebildeter Tänzer, sich mühelos in die westeuropäische Truppe einordnen und in kürzester Zeit zum Star werden konnte. Er brauchte nichts zu ändern, weder seine Technik noch seinen Stil. Mit Yvette Chauvire, der (gastierenden) Nachfolgerin der Amerikanerin Rosella Hightower, und den anderen Tänzern der Compagnie bewegt er sich in vollendeter Harmonie, so als gehörte er, der 22jährige, schon ewig zu ihnen – seit den Zeiten Petipas.

Das Ballett ist seinem Wesen nach eine internationale Kunst: auch da, wo sie ins Süßliche und Kitschige abrutscht. Und vielleicht dort ganz besonders. menhang bestehe. Zur Truppe gehört ja Rudolf Nurejew, der erst kürzlich aus der Sowjetunion gekommen ist und "im Westen" bleiben will – und gegen den in Paris Kommunisten demonstriert haben.