Von F. J. Weale

Die Vereinigten Staaten entdecken Europa! Man erinnert sich der Zeit, in der es drüben hieß, ein Schnupfen, will sagen, eine Rezession in den Vereinigten Staaten würde unweigerlich eine Lungenentzündung, d. h. eine Wirtschaftskrise in Westeuropa zur Folge haben. Das war die ziemlich allgemein akzeptierte Voraussage vor der vorletzten USA-Rezession zu Beginn 1958. Der Schnupfen trat ein, die Lungenentzündung blieb aus. Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in allen europäischen Industrieländern lief die Konjunktur auf Hochtouren. Das war wahrscheinlich der psychologische Zeitpunkt, in dem man in den Vereinigten Staaten die wieder erstandene Unabhängigkeit des freien Kontinents entdeckte. Die in ihrem Lande infolge Überproduktion auf Absatzschwierigkeiten stoßende Industrie begann in umfangreichem Maße mit Kapitalexporten für Investitionen im Ausland, vor allem im Gebiet des ihre Phantasie faszinierenden Länder des Gemeinsamen Marktes, dessen Entwicklung sich im Erststadium befand. Die Statistiker werden feststellen, daß auch im Jahre 1958 der Goldabfluß aus den USA-Reserven auffällig zu werden begann. Die Entdeckung Europas mußte finanziert werden. Sie war mit der wachsenden Erkenntnis verbunden, daß die finanzielle Position der Vereinigten Staaten durch die von ihnen während des Krieges und nachher getragenen Lasten litt, und daß die steigenden Lebenshaltungskosten die Kaufkraft des Dollars seit Kriegsende beträchtlich vermindert hatten.

Was zu Beginn dieser Erfahrungen noch als absurd gelten mußte, wurde zu einer zweiten Entdeckung: Europa als Sphäre, in der die Diamantenhärte des Dollars wegen des dauernden Verlustes an Gold und Kaufkraft in Zweifel gezogen werden könnte. Dies war eine peinliche Entdeckung. Sie fand ihren Ausdruck in einem Rundschreiben des amerikanischen Finanzministers Dillon an seine Ministerkollegen in den Staaten der EWG kurz vor dem Beginn der Jahresversammlung des Internationalen Währungsfonds in Wien. Man wird sich erinnern, daß Dillon in diesem Brief den Finanzministern nahelegte, den vom Direktor des IWF, Jacobsson, stammenden Vorschlag, die Auffüllung der Reserven des Fonds zu stärken, indem sie ihre hart und härter gewordenen Währungen dem Fonds freiwillig (d. h. nicht durch Erhöhung ihrer Mitgliedsquoten) zwecks Stützung anderer an Härte verlierender Währungen zur Verfügung stellen sollten. Es war ein ungewöhnlicher und vielleicht auch unglücklicher Brief; denn er mußte bei den Briefempfängern den Eindruck erwecken, die Eile Dillon’s wäre nicht ausschließlich altruistisch. Einige Male hatte Präsident Kennedy erklärt, es wäre durchaus in der Linie seines Programms, auch für den Dollar eine Stützung durch den IWF statutengemäß zu beanspruchen, sollte die Notwendigkeit eintreten. Nun hatte Großbritannien im Sommer 1961 in einem großen Fischzug Devisen im Gegenwert von 1500 Mill. Dollar zur Stützung seiner Reserven bezogen, von denen nur ein Teil in USA-Dollar und der Rest in acht anderen Währungen "neuer Härte" bestanden hat. Etwa 900 Mill. Dollar Gegenwert in solchen Währungen sind zur Liquidierung der britischen Verschuldung aus dem Basler Zentralbankabkommen erforderlich gewesen, an dem das amerikanische Federal Reserve keinen Anteil hatte. Vor kurzem hat die Bank of England aus dem Stützungskredit 280 Mill. USA $ an den IWF zurückgezahlt. Die Rückzahlung erfolgte nicht etwa in Gold, sondern in Dollar, seitdem die Bank of England entgegen ihrer früheren Praxis auf Grund des Prinzips der "Zusammenarbeit der Nationalbanken" Dollarbestände in ihrem Protefeuille hält und sie zwecks Schonung des amerikanischen Goldvorrates nicht in Metall umwandelt. Immerhin könnten die Vereinigten Staaten theoretisch beim IWF Ziehungsrechte von rund 4 Milliarden Dollar (200 Prozent der Quote weniger die augenblicklichen Dollarguthaben des IWF) geltend machen, die sie in Gold und (oder) anderen neuharten Währungen beziehen würden.

Aber im Portefeuille des Fonds befinden sich zur Zeit 3,1 Milliarden in Gold und nur 960 Millionen Dollar in DM, französischen und belgischen Francs, Hollandgulden, schwedischen Kronen und Lire. Der IWF besitzt keine Schweizer Franken; die Schweiz ist nämlich nicht Mitglied des IWF und will es nicht werden. Diese "Kassenlage" des IWF bildete den Hintergrund für die Rundschreiben Dillons, die ihrerseits wiederum bei den Leitern der EWG-Zentralbanken, vor allem beim französischen Finanzminister Baumgartner, eher zu einer Zurückhaltung in der Annahme des Jacobsson-Vorschlages geführt haben.

Diese Vorgänge in der Dollarkulisse hatten in Westeuropa ein verhältnismäßig geringeres Echo als in den Ver-Dollars sind zwar noch offen. Sind sie wirklich nötig, wenn die offiziellen Versicherungen der Zusammenarbeit unter den Nationalbanken Gültigkeit haben? Das Federal Reserve ist nach 25jähriger Unterbrechung wieder unter die Devisenarbitrageure gegangen. Der 1934 nach der Abwertung des Dollars gebildete, aber seit Kriegsende eingeschlafene Währungsstabalisierungsfonds ist seit März d. J. zu neuem Leben erwacht, als er infolge der Aufwertung der DM – nach Konsultationen mit der Bundesbank – zur Bekämpfung des gegenüber der DM entstehenden Disagios für Dollar Termin-DM gegen Kassa-DM verkaufte und später in dieser Transaktion seinen ersten Nachkriegsgewinn einsteckte. Bald folgten auch Vereinbarungen mit der Schweizerischen Nationalbank, durch welche dem Stabilisierungsfonds Schweizer Franken entweder kreditmäßig oder durch Goldverkauf überwiesen wurden. Gesellschaften werden heute aufgefordert, ihre Profile in den Auslandsbeteiligungen zur Stärkung der Devisenreserve zu repatriieren und nicht mehr zu reinvestieren. Minister reisen in die Industrieländer, um für größere Leistungen in der Entwicklungshilfe und Herabsetzung der USA-Lasten einzutreten. Der Bestand einigten Staaten, wo man trotz der von den Regierungssprechern immer wieder abgegebenen Erklärungen – Geldschöpfung durch die Regierung hätte keine inflatorische Wirkung – bei Banken und Industrie, aber auch unter den Politikern, argwöhnisch geworden ist.

Es begann auch eine Äußerung des vormaligen Präsidenten Eisenhower bekannt zu werden, deren Witz nach "außen" und Ernst nach "innen" man ihm gar nicht zugetraut hätte. Er sprach von der "Dollarette" – dem in seiner Kaufkraft verkleinerten Dollar – etwa so, wie eine kleine Küche eine kitchinette oder eine Kleinwäscherei laundrette genannt wird. Gleichzeitig setzte auch wieder ein Goldabfluß ein, obwohl aus den Investitionen der ausländischen Zentralbanken in kurzfristigen USA-Schatzscheinen (siehe Tabelle) nicht ersichtlich war, daß sie zu deren Umwandlung in Gold schreiten würden. Allerdings begann das Federal Reserve Board offiziell von solchen Goldkäufen zu berichten, die es auf das wieder ansteigende Defizit in der USA-Zahlungsbilanz sowie auf das angekündigte Defizit von 6,9 Mrd. $ im Staatshaushalt für das Fiskaljahr 1962 zurückführen wollte. Das sogenannte Kassenbudget für das laufende Fiskaljahr weist schätzungsweise ein Defizit von 8,4 Mrd. $ auf. Wall Street begann von den Zahlen Kenntnis zu nehmen.

Die Barrieren zur Verteidigung des eines Abkommens mit den Nationalbanken, nicht nur von direkten Goldkäufen beim USA-Schatzamt, sondern auch von Käufen auf dem Londoner Markt abzusehen, wird zwar bestritten; aber es ist eine Tatsache, daß die Interventionen der Bank of England bei der Fixierung des Goldkurses im Falle großer Ansprüche zu Lasten des Federal Reserve vorgenommen werden, weil der Kurs sonst nicht paritätisch unter $ 35.25 gehalten werden könnte. Zum Schutze des Dollars soll auch die allmähliche Senkung des hohen Londoner Banksatzes (zur Zeit 6 vH) dienen, damit der Abfluß von heißem Geld aus den Vereinigten Staaten nach London gestoppt wird. Schließlich hat zu Beginn November das amerikanische Schatzamt – zum ersten Male seit 1918 – im Auslande (diesmal in der Schweiz) einen Dreimonatskredit von 130 Mill. Franken (46,3 Mill. 8) zu 1,25 vH aufgenommen, um mit ihm in der nächsten Zeit eine etwa entstehende Schwäche im Dollarkurs zu bekämpfen. Man registriert die Tatsache, daß innerhalb weniger Wochen zugunsten beider Reservewährungen – Dollar wie Sterling – schweizerische Hilfe in Anspruch genommen worden ist.

Die Barrieren sind zwar noch offen, der Wille, sie zu benutzen, wird aber stark. Wie sagte doch Goethes Mephistopheles: "Wozu der Lärm?"