Von Walther Killy

Wer hat dies Buch genehmigt? Mit einer Frage als Überschrift wurde an dieser Stelle vor einiger Zeit die "Literaturgeschichte" von Georg Red einer scharfen Kritik unterzogen. Die Frage ist ohne Antwort geblieben: keine Behörde hat sich zu dem Werk bekannt, das allzu viele Fehler enthält (einige wurden abgedruckt), ein Zerrbild der modernen Poesie abgibt (der auf Kosten der Klassik zuviel Raum gewährt ist) und an die Stelle von Kenntnissen gefühlvolle "Werte" zu setzen sich bemüht, die ohne solide Fundamente Geschwätz bleiben. Inzwischen gibt es von diesem Werk 200 000 Exemplare, so daß man annehmen darf, es erfreue sich weiterhin der amtlichen Billigung.

Unter solchen Umständen rückt Herr Georg Ried zunächst in den Hintergrund, der seiner Leistung zukommt, und das Interesse richtet sich auf die Absicht derjenigen, die so beredt zu schweigen wissen. Was für eine Art von Deutschunterricht wollen sie? Wer sind die Prüfer, die – in vielen Kultusministerien – Sätze oder Fehler durchgehen und 200 000mal drucken lassen wie die damals zitierten, oder etwa den erst hier zitierten von Goethes schwerblütigen Dornburger Sonetten? Da doch jeder halbwegs gebildete Examenskandidat weiß, daß die Dornburger Gedichte so wenig Sonette sind, wie die Kleine Nachtmusik eine Oper; daß Goethes einzige Sonette viel früher entstanden und ganz anderer Art waren als die Dornburger Gedichte; daß schließlich da; Wort schwerblütig für die so beziehungsreichen Dornburger Verse ebenso schlechtweg sinnlos ist, wie es dies für die leidenschaftlichen Sonette wäre

Wenn man das und so viel anderes nicht merken will, so hält man offenbar die Richtigkeit einfacher Tatsachen und die Unverfälschtheit einer historischen Darstellung für weniger wichtig für den Unterricht als die "Richtigkeit" einer noch zu definierenden Gesinnung.

Eine Analyse der amtlichen Lehrpläne für den Deutschunterricht an unseren höheren Lehranstalten ist nicht geeignet, solche Vermutungen zu zerstreuen. Zwar weckt sie Respekt; aber in manchen Fällen der von Land zu Land verschiedenen Vorschriften und Empfehlungen nicht etwa vor denjenigen, welche sie verfaßt haben, sondern vor dem unbekannten Deutschlehrer, der in akademischer Freiheit dennoch so oft treffliche Schüler heranbildet.

Zugleich macht sie aber auch die Dürftigkeit der literarischen und sprachlichen Bildung begreiflich, welche zahlreiche Abiturienten mitbringen. Wenn man die – immer mißliche – generelle Charakterisierung wagt, so stehen in diesen Lehrplänen die "pädagogischen" Gesichtspunkte vor den von der Sache gebotenen, und häufig die "weltanschaulichen" vor denen der Qualität.

Völlig außer acht gelassen ist (eine traurige deutsche Spezialität) die edle Aufgabe der Schule, den literarischen Kanon einer großen Nation lebendig zu halten. Der amtliche deutsche Unterricht hat Herder, Jean Paul, Novalis, die Theoretiker Lessing und Schiller verraten und die Erzählung der deutschen Romantik nahezu abgeschafft. Er gewährt dem mediokren 19. Jahrhundert und einer sogenannten Moderne unverhältnismäßig viel Platz auf Kosten der großen Überlieferung und der – praktisch unberücksichtigten – Weltliteratur; er kennt auch nur eine Moderne zweiten Ranges, die sich mehr an bürgerlicher Erbauungsliteratur als an den Autoren orientiert, welche die Not des Jahrhunderts zur Sprache gebracht haben.