Von Wolfgang Ebert

Bis zur großen Koalitionskrise gab es vernünftige Menschen, die da meinten, jedes Volk brauche eine Regierung – und sei es nur, damit etwas da ist, was man gelegentlich stürzen kann. Oder weil die anderen Länder auch eine Regierung haben und man sich bei ihnen ohne Regierung ganz unmöglich macht.

Außerdem bestehe so eine Regierung aus Ministern, die von unseren Steuern unterhalten werden, was allein schon zeige, daß es sich um eine nützliche Sache handele.

Bei mir hatte sich allerdings ein gefährlicher Verdacht eingeschlichen, und der ist in den letzten Wochen eklatant bestätigt worden.

Seit den Septemberwahlen haben wir praktisch ohne Regierung gelebt... na und? Sind wir in der Zwischenzeit in einen Abgrund getrudelt? Sind Cholera und Pestilenz bei uns ausgebrochen? Totschlägerbanden sengend und mordend durch die Lande gezogen?

Nichts von alledem! Es ging uns vielleicht nicht gerade besser. Aber auch nicht schlechter. Es ging.

Machen wir doch einmal die Probe aufs Exempel: Fangen wir kurzentschlossen beim Kanzler an! Hat uns der in diesen Wochen so gefehlt, daß wir ohne ihn schier verschmachtet wären? Fällt der Unterschied zwischen einem Kanzler und keinem Kanzler wirklich ins Gewicht?