Das Fernsehen nützt die Chance des zweiten Programms: Es gibt der Gestaltung nach jetzt fast so etwas wie ein intellektuelles Nachtprogramm, das allerdings erstaunlicherweise überwiegend auf das 1. Programm gelegt wird. Anspruchsvolle Reportagen über die Großen Religionen (nach dem Buddhismus wurde jetzt der Hinduismus vorgestellt), naturwissenschaftliche Berichte, Musik, Ballett, Theater, die Woche quillt über davon, fast wird zuviel gegeben.

Letzte Woche drei moderne Un-Stücke, nächste Woche von Euripides und Strindberg bis zu Garcia Lorca und Elmer Rice gleich neun theatralische Darbietungen – das geht an die Grenze des dem Publikum Zumutbaren, vor allem, wenn die Programm-Koordination so beschaffen ist, daß echter Kontrast nicht gegeben wird: Die Komische Oper und die Operette, eben noch in Scharen auf der Bildröhre, sind zum Beispiel jetzt wieder einmal ganz vom Spielplan verschwunden.

Dafür neben Thornton Wilden "Kleiner Stadt" gleich zweimal modernstes experimentelles Theater – "Die kahle Sängerin" von Ionesco und"Die Geburtstagsfeier" von Pinter, über die anläßlich ihrer Bühenpremieren ja schon ausführlich diskutiert worden ist. Deshalb hier nur so viel: Geht behutsam mit den dramatischen Provokationen um, drängt nicht zuviel in eine Woche, die Leute werden sonst mißmutig, in Zonennähe schalten sie schon auf den Osten. Und gebt dem Publikum Fingerzeige, wie das Absurde zu verstehen sei.

Damit ist nicht gemeint, daß die Ansagerin, wie das bisweilen vorgekommen, in ein paar eingelernten Sätzen aufsagt, was der Dichter sich wohl gedacht hat – es macht mißmutig, dieselben wohlgeformten Lippen eben noch über Sepp Herberger und jetzt schon über die menschliche Existenz plappern zu sehen. Ein Fünf-Minuten-Essay eines intelligenten Kritikers oder ein Zehn-Minuten-Gespräch zwischen Autor und Regisseur würde dem Millionenpublikum des Bildschirms den Weg zum Verständnis des modernen Theaters ebnen.

Im Ganzen: genießen wir die zu Ende gehende Zeit, da beide Programme von denselben Häusern gemacht werden. Nicht lange mehr und konkurrierende Sender buhlen um die Gunst des Sehers, und das Ergebnis wird der Triumph des Klamauks sein. lupus

P. S. Über Brechts "Schweyk im zweiten Weltkrieg" kann hier nicht referiert werden. Der Berichterstatter lebt in Berlin, und dort hat man geglaubt, sich der politischen Eindeutigkeit wegen die Auseinandersetzung selbst mit einem Brecht-Stück versagen zu müssen, das in der Zone seit fünfzehn Jahren verboten ist.