Nach der "Reisewelle" des Sommers die "Prospektwelle" im Herbst. Die buntbedruckten Blätter sind Vorboten des Winters und auch gleich des anschließenden Frühlings, denn zumeist enden die Lobgesänge des Textes mit der Ermunterung, schon bald die Fahrt in den Lenz 1962 zu planen. Neben den wunderbar vielen Neuerscheinungen aus den Büros der Verkehrsträger, Kurverwaltungen und Reiseklubs erscheinen die Hefte der großen Reiseveranstalter besonders gewichtig. Sie kreieren die neue "weiße Saison" für Ende Dezember in mehr als 1000 Gebirgszielen. Aber Schnee allein zieht nicht mehr. So haben die Unternehmer ihre Arigebotslisten durch Südlandfahrten im Winter angereichert. Wer sich also nicht aufs Eis und nicht auf Skier wagen will, packt die Badehose ein und fliegt in die Wärme.

Ziele der Sonderflugzeuge, die in diesen Tagen wieder starten, sind die Kanarischen Inseln (17 Tage für etwa 1200 Mark), Tunesien und Südspanien (zwei Wochen für 800 Mark), Ägypten und der Libanon (16 Tage für 1600 Mark) und natürlich das nie versagende Mallorca (15 Tage für 600 Mark, alles eingeschlossen). Diese Feriengebiete werden von der Touropa, den Scharnow-Reisen und der Hummel Reise jeweils im Alleinflug angesteuert, nachdem sie die gemeinsam betriebene "Deutsche Flugtouristik" vor einigen Wochen sang- und klanglos auflösten. Die Touropa meldet, daß die Buchungen für Flugreisen gegenüber dem Vorjahr um 200 vH zugenommen haben. Teneriffa mit Zwischenaufenthalt in Tanger und Marrakesch sei das Hauptziel. In Ägypten ist der Besuch der Tempelanlagen von Karnak (Luxor) und Edfu in das Programm aufgenommen worden.

Ein Sonder-Flugtip der Scharnow-Reisen ist Andorra – im Flugzeug nach Barcelona, von dort im Automobil ins Pyrenäen-Ländchen zum Einkaufen und Skilaufen. Eine solche Tour von zweiwöchiger Dauer kostet alles in allem 632 Mark.

Die Transeuropa offeriert in einem neuen Flugprospekt neben den bekannten Plätzen an den nordafrikanischen und spanischen Küsten einen 17-Tage-Ausflug nach Madeira für rund 1200 Mark. Das Büro Dr. Tigges bietet durch Europa, Nordafrika und Kleinasien seine gut geführten Bildungsreisen.

Mehr als elf von hundert Gästen der Touropa – zum Beispiel – reisen im Winter. Jedoch haben von hundert Winterurlaubern 55 keine sportlichen Ambitionen. Aber die Menge der neuen Ski-Jünger wächst so rasch wie die Zahl der Skilifts und die der Gebirgssöhne, die schnell als Skilehrer fungieren, im hübschen Dreß, schneeverbrannt, eine Augenweide für haltsuchende Skihaserln. Damit sie und alle anderen aus der Fülle des Angebots ein Ziel nach ihren Erwartungen herausfinden, sind die Orte in den Prospekten narrensicher markiert. Die Höhenlagen fehlen darin so wenig wie Angaben über Lifte und Ausflugsmöglichkeiten. Scharnow und Hummel erleichtern die Suche zudem durch alphabetische Ortsregister. Etliche Veranstalter haben dicke Mappen mit zusätzlichen Informationen an die Reisebüros verschickt. Der Inhalt eines solchen Wälzers – etwa der von den Scharnow-Reisen – ist anregend wie das große Kursbuch. Jedem Ort wird eine Kunstdruck-Doppelseite mit Photo und Kartenskizze und ausführlicher Beschreibung gezollt. Darin finden sich Hinweise wie "In X-Ort gelegentlich Mondschein-Schlittenfahrten" und "in Y zum Frühstück Kaffee, Tee oder Milch nach Wahl" und "in Z trifft Sei der Bahn aufgegebenes Gepäck erfahrungsgemäß mit großer Verzögerung ein!" Mit derartigen bösen und guten Erfahrungen für den internen Gebrauch darf sich der Expedient dann seinen Beratungscocktail brauen; sie machen ihn zum überlegenen, vertrauenswürdigen Kenner. Sonderblätter von Scharnow befassen sich überdies mit geheizten "Ferienwohnungen" und "Heilluren" zu Pauschalpreisen in 67 deutschen und österreichischen Bädern.

Touropa beweist seit einer Reihe von Jahren Erfolg und Phantasie bei den "Kreuzfahrten im Mittelmeer". Auch im Winter und im kommenden Jahr sollen wieder Sonderschiffe Griechenland sowie nordafrikanische und spanische Schönvetterhäfen anlaufen. Immer noch überraschend in an diesen Seereisen die Eleganz – und unübertrefflich die Bequemlichkeit, daß die Mitfahrenden in Liegewagenzügen bis fast ans Schiff rollen; hier wird einmal das im allgemeinen kostspielige Seenisevergnügen auch mittel schweren Ferienbörsen ermöglicht (Zug- und Schiffsreise von Hamburg nach Casablanca und zurück 695 Mark).

Die Statistik der Reisewegbereiter weist aus, daß der Individualismus marschiert. Waren vor wenigen Jahren noch mehr als 70 vH der Kunden Vollpensionäre, so buchten im Sommer 1961 schon 70 vH keine Vollpension. 20 vH entschieden sich überhaupt nur für Fahrt, Übernachtung und Frühstück, im übrigen wollten sie ungebunden sein. Auf diese Entwicklung haben sich die Veranstalter für die beginnende Wintersaison eingestellt. Touropa, Scharnow und Hummel haben die Preise für den größeren Teil ihrer Zielorte (nicht für die in der Schweiz) so kalkuliert, daß im Grundpreis nur Reise, Zimmer, Frühstück und Gutscheine für sieben Hauptmahlzeiten vorgesehen sind. Wer die Vollpension vorzieht, muß das besonders bestellen. Auf diese Weise können für weniger als 200 Mark 14 Urlaubstage in Oberbayern oder Österreich verbracht werden, bei starker Diät.