Die Börsensensation der letzten Tage war die unerwartete Hausse der Stahl- und Kohlewerte. Anfang dieser Woche standen an der Kurstafel sogar Pluszeichen vor der August-Thyssen-Hütte. Dieser Hinweis auf eine überdurchschnittliche Steigerung ist sonst eine Domäne der spekulativen Werte wie NSU, Daimler, BMW usw. Diese Aufwärtsentwicklung war um so überraschender, als wochenlang die allgemeine Hausse des Aktienmarktes auf dem Rücken der Montanwerte ausgetragen wurde, indem die alten Montanaktionäre ihre Werte verkauften, um ihre Mittel in "beweglichere Aktien" zu investieren. Zwar war eine Erholung der Montanwerte seit langem überfällig, jedoch war die Schwungkraft, die sie nunmehr entwickelte, völlig ungewohnt.

Der Börsenbeobachter wird sich an viele vergangene Hausseperioden erinnern, bei denen die Montanwerte nur das Schlußlicht der Aufwärtsbewegung bildeten und zu einem Zeitpunkt in Bewegung kamen, bei dem die Kraft der Hausse bereits so weit verbraucht war, daß sie nicht mehr ausreichte, um die Stahl-und Kohlewerte in Gang zu setzen. Binnen weniger Tage glichen nunmehr die Montanwerte nicht nur die durch die Umtauschaktionen erlittenen Einbußen der letzten acht Wochen wieder aus, sondern sie erreichten sogar Kurse, die etwa dem Stand vom Juli/August dieses Jahres entsprechen. Mannesmann erzielten z. B. am Beginn dieser Woche mit knapp 280 vH eine Notiz, die seit dem Dividendenabschlag von Anfang Juli dieses Jahres nicht mehr verzeichnet worden war.

Das "Comeback" der Montanwerte mit Kurssprüngen, wie sie seit 1959 auf diesem Marktgebiet nicht mehr zu sehen waren, läßt sich durch den Fortfall des lange auf diesem Marktgebiet lastenden Verkaufsdruckes erklären und durch die Tatsache, daß die übriggebliebenen Aktionäre ebenso wie die Käufer der letzten Wochen ihre Montanwerte zumeist als Dauerbesitz betrachten oder zumindest nicht bereit waren, sie auf einem derart niedrigen Niveau zu verkaufen. Die entscheidende Überlegung, die der Besserung des Montanmarktes zugrunde lag, dürfte jedoch die Feststellung gewesen sein, daß die Stahlwerke auf ein Kursniveau gesunken waren, bei dem diese Werte auch bei ausgesprochen schlechter Beschäftigung interessant wären.

Die Kurserholung der Montanwerte führt also besonders deutlich vor Augen, daß die zur Zeit am gesamten Aktienmarkt vorherrschende Hausse-Stimmung mit der jüngsten Entwicklung der Konjunktur nicht zusammenhängt, sondern ihr vielfach entgegengesetzt ist. Der Grund hierfür ist, daß die durch politische Überlegungen weitgehend bestimmte Baisse der Sommer- und Herbstmonate die deutschen Aktien auf ein Kursniveau gedrückt hatte, das jenseits konjunkturpolitischer Überlegungen für den in- und ausländischen Anlege: irgendwann einmal interessant werden mußte.

Nach den kräftigen Kursverbesserungen am Markt der Bank-, Elektro- und Chemiewerte hat die Nachfrage aus dem Ausland etwas nachgelassen. Sie wurde weitgehend durch den Anlagebedarf aus dem Inland ersetzt, zumal Gerüchte über bevorstehende Kapitalerhöhungen die Käufer anregten. So sprach man an der Börse bereits Ende der letzten Woche von einem Bezugsverhältnis 7 : 1 zum Emissionskurs von 300 vH bei den Farbenfabriken Bayer, die sich daraufhin um rund 15 Punkte verbesserten. Bei der immer schärfer werdenden Konkurrenz auf dem Markt der chemischen Produkte stellt sich die Frage, ob es der Gesellschaft gelingt, entsprechend der Erhöhung des Kapitals auch den Umsatz und vor allem den Ertrag um etwa 15 vH steigen zu lassen. Nur wenn es der Gesellschaft nachlassen. gelingt, ihren Ertrag schneller steigen zu lassen als das von Jahr zu Jahr wachsende Kapital, können die Farbenwachsende Bayer ebenso wie die anderen IG-Farbennachfolger auch weiterhin unbedenklich zu den "Wachstumswerten" bedenklich werden.

Ein weiteres Merkmal, das die Aktienhausse als eine außergewöhnliche Bewegung kennzeichnet, ist die Tatsache, daß sie diesmal nicht von einer entsprechenden Zinssenkung am Rentenmarkt begleitet wird. Die Industriekreditbank und ihre Konsortialbanken wagten es noch nicht, vom 6prozentigen Typ abzugehen, sondern wählten für ihre neue Anleihe über 60 Mill. DM den Ausweg eines Ausgabekurses von fast 100 Prozent. Einer international bekannten Industriefirma wäre es dagegen sehr wahrscheinlich möglich gewesen, eine 5 1/2prozentige Anleihe mit Erfolg aufzulegen. Für den Anleger bringt das Zögern der Industriekreditbank den Vorteil, daß er eine relativ kurz laufende 6prozentige Anleihe zu 99 3/4 vH kaufen kann, während die 6prozentige Bundesanleihe etwa 101 vH kostet. M.