Von Hans Peter Bull

Die Zwangsehe von Justiz und Wissenschaft kann glücklich sein. Aber es wird auch immer wieder Enttäuschungen geben: Derselbe Professor Reche, dem wir die anthropologischen Gutachten verdanken, wurde im Jahre 1960 auf Antrag beider Parteien als Sachverständiger dazu berufen, die Identität der Anna Anderson zu klären, die seit Jahrzehnten darum kämpft, als die Großfürstin Anastasia anerkannt zu werden. Nach langen Studien kam der Professor zu dem Schluß: "Anna Anderson ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Angehörige der Zarenfamilie, und zwar, nach Lage der Dinge, die Großfürstin Anastasia." Ebenso urteilte die Graphologin Minna Becker in einer 182seitigen Expertise. Das Hamburger Landgericht aber entschied: Der Beweis dafür, daß Frau Anderson die Großfürstin ist, sei nicht erbracht.

Hier waren die Gutachter über die Richter enttäuscht, aber fast noch häufiger sind es die Richter, die sich über ungeeignete Gutachter ärgern.

Der Bonner Dozent Dr. med. et jur. Hans Göppinger nennt drei Gruppen von Gutachtern, die für die Rechtsfindung besonders gefährlich sind. Göppinger bezog sich (auf der Tagung der Kriminalbiologischen Gesellschaft Anfang vorigen Monats in Wien) zwar nur auf die psychiatrischen und psychologischen Sachverständigen, aber man darf seine Ausführungen getrost verallgemeinern:

Da sind zuerst "jene von manchen Gerichten durchaus geschätzten bequemen Gutachter, bei denen alles aufgeht", die für alle Erscheinungen eine Erklärung haben. Daß der Zweifel heilig ist – heilig für Wissenschaft und Justiz in gleichem Maße – vergessen diese Sachverständigen immer wieder. Vielen Gutachtern fällt schwer, nach der Lektüre der Akten neutral zu bleiben und den Fehler zu vermeiden, den der Grazer Psychologe Dr. Neudert auf der gleichen Tagung anprangerte: Die Persönlichkeit aus einer noch nicht bewiesenen Tat zu erklären.

Der übereifrige Sachverständige, Göppingen zweiter Typ, will sein Wissen, seine ganz besonders große Sachkenntnis herausstellen. Er ist lästig, aber nicht so gefährlich für die Rechtssicherheit.

Die dritte Gruppe bilden jene Sachverständigen, die sich der methodischen Grenzen ihrer Tätigkeit nicht bewußt sind. Sie zu erkennen, ist Freilich nicht immer leicht; denn so schnell gibt kein Wissenschaftler zu, daß seine Ergebnisse nicht gesichert sind; eher ficht er erbitterte Schlachten aus – noch lieber ist ihm freilich, wenn der Richter nicht merkt, daß die Methode umstritten ist. "Häufig werden eigens Theorien aufgestellt, um eine gewünschte Folgerung ziehen zu können" (Göppinger).